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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Interview mit Heiner Krabbe


Redaktion
21.08.05, 18:50
Das Interview wurde am Donnerstag, den 05. Mai 2005 von Sabine Schüren geführt.

SS: Vielen Dank, dass Du Dir Zeit nimmst für dieses Interview. Meine erste Frage ist, was motiviert und was frustriert Dich an Deiner Arbeit als Mediator?

HK: Es motiviert mich, Leute zu begleiten, die in der Krise sind und die zu Entwicklungen von Lösungen kommen, was oft in meinem Bereich von Familienmediation auch zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit führt. Und die Möglichkeit sachlich Lösungen zu entwickeln – mit den Leuten und sie dabei zu begleiten. Dies ist eine sehr anstrengende aber auch sehr befriedigende Arbeit und dabei bekomme ich mit, dass sich auch Personen langfristig verändern. Das ist eine sehr motivierende Arbeit.
Frustrierend ist, dass ich lange im Bereich von Trennung und Scheidung gearbeitet habe und die Sätze, die da laufen, schon kenne. Da muss ich manchmal aufpassen, wenn Männer sehr langatmig ihre großartigen Erklärungen geben, dass ich nicht zu sehr gereizt bin.

SS: Das heißt, da fehlt Dir manchmal die Geduld?

HK: Manchmal fehlt mir die Geduld, wenn Leute, die erkennbar in einer schwachen Situation und verunsichert sind, sich zu großen Reden aufschwingen. Das finde ich manchmal nervig.

SS: Hast Du in solchen Fällen auch bestimmte Techniken, die Du dann einsetzt?

HK: Ich versuche erst mal einerseits Respekt vor der Person zu haben, sehe was im Moment bei dieser Person los ist und mache mir sozusagen Hypothesen zur Situation dieser Person... und versuche aber auch ein Stück das Gespräch zu strukturieren, wenn ich das Gefühl habe, dass ich genügend Respekt dieser Person gegenüber bringen kann.

SS: Schwierige Situationen... Das ist eine schöne Überleitung zur nächsten Frage. Was war denn eine besonders schwierige Situation, die Du erlebt hast und was hast Du gemacht?

HK: Eine schwierige Situation, die mir sofort eingefallen ist, war die bei einer Trennungs- und Scheidungsmediation. Ich hatte drei bis vier Sitzungen mit den Eltern gemacht, also mit dem Paar und es ging um Vereinbarungen zu den Kindern. Ich hab mit den Eltern die Themensammlung gemacht zur Trennung... hab dann die Eltern gebeten, die Kinder mit einzubeziehen, mit einzuladen. Das haben die dann auch gemacht. Ich habe den Kindern gesagt, „Eure Eltern trennen sich, die machen sich jetzt Gedanken wie es weitergehen soll“. Die Kinder guckten mich entsetzt an und wussten von nichts. Das war eine sehr, sehr schwierige Situation, weil die Kinder mich verdächtigten, ich hätte ihre Eltern getrennt oder würde da Realitäten schaffen. Die Eltern hatten sich verdrückt, diese schwierige Mitteilung ihren Kindern zu geben und ich musste aufpassen, dass ich nicht sehr wütend auf die Eltern wurde. Dann habe ich den Prozess gestoppt und die Eltern gebeten ihre Kinder zunächst erst mal darüber zu informieren, wie die Situation bei ihnen aussieht, was sie bisher in der Mediation gemacht haben und hab darauf bestanden, dass die Eltern dieser Pflicht nachkommen. Wir haben eine Pause gemacht, und erst danach haben wir dann noch eine erste Themensammlung gemacht, die aber sehr kurz war und dann einen neuen Termin ausgemacht.

SS: Nun mal zur anderen Seite - welche Situation war denn ein erfreuliches, ein besonders schönes Erlebnis?

HK: Ein erfreuliches Erlebnis, von dem ich immer noch profitiere, ist dass ich mal eine Trennungs- und Scheidungsmediationsanfrage hatte. Das Paar wollte sich trennen; der Mann war ausgezogen, war mit einer anderen Frau schon zusammenlebend. Daraus ist dann eine Ambivalenzmediation geworden, d.h. man hat dann überlegt, gibt es noch eine Möglichkeit, dass wir doch zusammen bleiben, da sich das Ganze wieder beruhigt hatte. Anschließend ist daraus eine Ehemediation geworden und zum Schluss haben wir eine Mediation über den Umbau einer Bäckerei gemacht, aus der dann eine Patisserieschule und eine Patisserie geworden ist. Und von dieser Patisserie profitiere ich heute immer noch.

SS: Na, das hört sich lecker an!

HK: Ja, das war ein wunderschönes Erlebnis. Die Leute, die an der
Mediation teilgenommen haben, wenn ich da mal hinfahre und einen der leckeren Kuchen kaufe, sagen mir dann immer noch welche Option im Moment angegangen wird... und das ist eine sehr schöne Erfahrung. Das Ganze geht jetzt schon über vier/ fünf Jahre.

SS: Welche Aspekte Deiner Arbeit machen Dir am meisten Spaß?

HK: Mir fällt eine Geschichte besonders gern ein, bzw. die mache ich besonders häufig in letzter Zeit - Das ist die Kurzmediation. Es ist eine sehr spannende Geschichte, eine Mediation zu organisieren, in der das gesamte Verfahren einer Mediation in einer Sitzung durchgezogen wird. Das heißt auch für den Mediator, dass er sehr gutes Zeitmanagement machen muss und höchst konzentriert auf jeder Stufe arbeitet. Das ist schon eine spezielle Herausforderung. Sowohl die Zeit als auch die einzelnen Stufen, die Methoden, Techniken so einzusetzen, dass der Zeitrahmen auch eingehalten werden kann. Das setzt ein sehr konzentriertes Arbeiten voraus und ist auch eine große Herausforderung - ein großer Reiz.

SS: Ist es denn bei Konfliktfällen, die ja auch sehr komplex sein können, möglich im Rahmen einer Sitzung alles zu regeln?

HK: In der Regel ist das für begrenzte Konflikte - für aktuelle, begrenzte Konflikte. Ich habe aber auch schon einen ganzen Tag mit Leuten eine Gesamtmediation zum Bereich Trennung und Scheidung gemacht. Das ist notwendig, da manche Leute auch lange Strecken anreisen und nicht immer über 600/700 km häufiger kommen können. Deshalb habe ich es auch mal bei einer Trennung und Scheidung als Gesamtmediation gemacht. In der Regel sind es aber begrenzte Konflikte oder Bereiche, die relativ schnell geregelt werden müssen... oder es sind konkrete Konflikte, die gelöst werden müssen und oft unter Zeitdruck entstehen.

SS: Kannst Du für Dich persönlich auch Veränderungen feststellen, wie die Mediation Dich selbst und vielleicht auch Deine Art zu leben verändert hat.

HK: Ja, die Mediation hat schon eine Auswirkung und zwar merke ich, dass ich selbst viel offener in Konflikte reingehen kann und dass ich viel eher bereit bin, optional mit Leuten meine eigenen Konflikte anzugehen. Das ist zwar manchmal für einige verwirrend, weil sie eigentlich aus ihrem eigenen Hintergrund eher gewohnt sind, dass man gleich hochemotional und mit festen Positionen darauf zugeht und sie sind manchmal überrascht, wenn man zunächst versucht Sachlichkeit reinzukriegen, sich über Interessen zu unterhalten, Optionen zu entwickeln. Das ist schon oft ungewohnt, aber mir wird hinterher gesagt, dass es eine gute Sache gewesen ist - dass sich es gut aufgelöst habe.
Bei mir selbst hat die Mediation dazu geführt, dass ich in einem hoch strittigen Konflikt selbst auch eine Mediation in Anspruch genommen habe. Und aus der anderen Rolle heraus gemerkt habe, wie man als jemand, der in der Mediation sitzt, bestimmte Dinge erlebt, bestimmte Sätze sagt und froh ist, wenn der Mediator einfach den Prozess gut führt.

SS: Also auch als selbst praktizierender Mediator konntest Du Dich als Konfliktpartei gut auf die Mediation einlassen?

HK: Ich erlebte alle die Schwierigkeiten, die eine Konfliktpartei hat, sich auf eine Mediation einzulassen. „Ist der überhaupt auf meiner Seite“, „Arbeitet der seriös“- all diese Fragen sind mir auch gekommen und ich kann es jedem Mediator einfach nur empfehlen, bei eigenen Konflikten auch eine Mediation aufzusuchen.

SS: Gibt es eine Person, die für Dich eine Vorbildfunktion im Bereich der Mediation hat?

HK: Eindeutig - das ist John Haynes.
Die respektvolle Art von ihm im Umgang mit den Medianten hat mir immer sehr viel gegeben und auf der anderen Seite das sehr genaue Arbeiten von ihm - das hat mir auch sehr viel gegeben.

SS: Welche sind zwei ganz spezielle Instrumente, die Du in der Mediation einsetzt, die sich in Deinem Werkzeugkoffer befinden?

HK: Zunächst würde mir die Checkliste im Rahmen der Vorlaufphase einfallen. Die Vorlaufphase war früher verpönt; wir haben noch gelernt, dass wir mit den Leuten erst Kontakt aufnehmen, wenn sie wirklich da sind. Alles andere – bis auf Terminabsprache - ist nicht drin. Dadurch, dass aber auch Kurzmediationen laufen, dass verschiedene Familienkonflikte da sind, dass manchmal auch mehr als zwei Parteien beteiligt sind, muss man doch Vorarbeiten leisten. Ich arbeite gern mit einer telefonischen Checkliste, in der ich bestimmte Punkte mit den Parteien anspreche, die letztlich dazu dient, einen Rahmen für die Mediation setzen zu können und um eine Planung des Verfahrens durchführen zu können.

SS: Diese Checkliste gehst Du mit allen Beteiligten im Vorfeld durch?

HK: Die geh ich mit allen Beteiligten im Vorfeld durch. Ich habe nur bestimmte Punkte, die auf der Checkliste stehen, kündige an, dass ich diese Checkliste mit jedem durchspreche und kündige auch an, welche Punkte das sind. Bis hin zu dem Punkt, dass ich für diese Checkliste 20 Minuten Zeit eingeplant habe und die spreche ich mit jedem durch. Ich habe inzwischen sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Ich habe früher gedacht, hoffentlich wird man nicht zu sehr reingerissen in die Sache, hoffentlich verdächtigen sie mich nicht. Aber wenn man das so offen praktiziert und die Punkte auch nennt, die mit dem Verfahren der Mediation und der Planung, dem Ablauf zu tun haben, dann sind die Leute immer sehr angetan davon und machen das auch mit.

SS: Das heißt, die Checkliste ist ein Instrument - verrätst Du uns noch ein zweites?

HK: Das andere ist die Methodik der Selbstbehauptung. Ich komme aus der psychotherapeutischen Richtung - da wird es ermöglicht, in der eigenen Wirklichkeit sich bewegen zu können und aus der eigenen Wirklichkeit heraus zu empfinden, zu erleben. Ich finde die Selbstbehauptung oder Window I – so haben wir es von den Amerikanern gelernt - ein sehr gutes Instrument, dass Leute überhaupt ein Stück zu sich selbst kommen können, selbst reflektieren zu können, selbst Kompetenz wieder zu erlangen. Die Konzentration auf die Selbstbehauptung - sowohl in verbaler als auch in nonverbaler Hinsicht halte ich für ein ganz entscheidendes Instrument.

SS: Wir haben Dich als Repräsentanten für den Bereich der Familienmediation ausgesucht. Gibt es für diesen Bereich spezielle Eigenarten oder Besonderheiten im Unterschied zu anderen Mediationsfeldern?

HK: Zunächst, glaube ich, ist die Familienmediation insgesamt eine Mediationsform, die sehr vielfältige Settings ermöglicht, da es sehr vielfältige Familienformen gibt. Insofern ist es eigentlich eine ganz spannende Geschichte, man muss immer wieder gucken, welche Familienform liegt hier vor, welches Setting passt dazu? Das Zweite, was ich interessant finde: Es ist eine der wenigen Fälle, in denen auch Kinder in der Mediation beteiligt sind und Kinder an der Entwicklung von Lösungen beteiligt werden, ohne dass sie Verantwortung übernehmen müssen. Das ist eine sehr dankbare Arbeit - Kinder sind in der Mediation eigentlich sehr kreativ, sind interessiert daran, dass Lösungen entwickelt werden und die intensivsten Sitzungen sind die mit Kindern. Insofern ist das eine interessante, spannende Tätigkeit.
Das andere, was ich an der Familienmediation sehr schätze, ist, dass es hier in der Regel um lebenslange Beziehungen geht - das lässt sich nicht mit anderen Mediationsfeldern vergleichen. Und diese müssen verändert werden. Im Laufe eines Lebens verändern sich diese Beziehungen zueinander und insofern ist die Mediation ein sehr gutes Instrument, um den Veränderungen gerecht zu werden.

SS: Du hast gerade von Kindern in der Mediation gesprochen. Gibt es da ganz andere Methoden, die Du in der Arbeit mit Kindern einsetzt?

HK: Im Prinzip nicht. Man muss mehr Hintergrundwissen zu Gesprächen mit Kindern haben, zu Entwicklungsstufen von Kindern und man muss etwas über die Familiendynamik wissen. Man muss wissen, wie Kinder auch vor dem Hintergrund der Konflikte ihrer Eltern - wie sie das erleben, wie sie reagieren usw. Im Prinzip muss man mit den Kindern genauso respektvoll arbeiten wie mit den Erwachsenen und muss ihnen den gleichen Respekt entgegenbringen. Dann kommen Kinder auch mit ins Boot und sind auch sehr froh, wenn sie beteiligt werden können.

SS: Du setzt also bei den Kindern ähnliche Techniken wie bei Erwachsenen ein?

HK: Ich setze die Methoden und Techniken, die man aus der Mediation kennt, auch bei den Kindern ein. Man muss aber auch – wie gesagt - einiges an Hintergrundwissen haben, d.h. der Kontaktaufbau muss sorgfältig laufen, das Setting muss entsprechend gestaltet werden. Ich beziehe die Eltern mit in die Sitzung ein und muss mit ihnen auch einige Vorbereitungen treffen. Insofern sind schon einige spezielle Überlegungen notwendig, aber im Prinzip kann man das lernen.

SS: Du hast schon erzählt, dass Du aus dem psychotherapeutischen Bereich kommst. War das auch der Zugang zur Familienmediation? Was reizt Dich besonders an diesem Bereich?

HK: Ich bin zu diesem Bereich eher zufällig gekommen. Ich war Leiter einer Beratungsstelle für Familienkrisen, Trennung und Scheidung und in dem Zusammenhang habe ich natürlich nach Möglichkeiten gesucht, wie man neben der Beratung auch andere professionelle Hilfen anbieten kann. Und da war ich mehr zufällig darüber informiert worden, dass Amerikaner kommen, die irgendwas mit Verhandeln bei Trennung und Scheidung machen. Und das Zweite ist: Ich habe eine psychotherapeutische Praxis, in der auch viele Paare auftauchen und die neben den emotionalen Beziehungsfragen auch alltägliche, partnerschaftliche Dinge zu regeln haben. Da war ich sehr froh, dass ich Mediation zusätzlich anbieten kann.
Dazu kam, dass die Menge an Trennungen in den letzten 20 Jahren enorm zugenommen hat, und ich dafür ein gutes Instrument brauchte.

SS: Du als aktiv praktizierender Mediator - verrätst Du uns auch eine erfolgreiche Marketingstrategie?

HK: Ja, ich weiß nicht, ob ich da auf der Höhe bin. Ich habe früher alle möglichen öffentlichen Auftritte genutzt. Was ich momentan noch mache - neben dem Internetauftritt, über den auch viele Anfragen kommen – ist Vorträge zu halten.
Meine Erfahrung ist, dass es bei den Vorträgen nicht so sehr darum geht, zu sagen, dass Mediation toll ist, sondern dass man in Vorträgen mal genauer beschreibt, wie Mediation praktiziert wird. Ich baue immer Materialien aus Mediationen mit ein, d.h. Flipchartbilder, ich lege Vereinbarungen vor, Fallbeispiele usw... Also, den Leuten kann man nicht Mediation anbieten und sagen das ist ganz toll, nehmt es mal. Sie müssen wissen, wie es geht, wie man es macht und welche Methoden/ Techniken man anwendet und insbesondere, wie das gestaltet wird.

SS: Du betonst also die praktischen Elemente einer Mediation?

HK: Wir haben früher in Vorträgen gesagt, dass Mediation toll ist, da haben aber viele gesagt, das könne man ja immer behaupten, aber wie geht es denn nun genau? Ich halte häufiger Vorträge über die Einbeziehung von Kindern in die Mediation und schildere einfach, welche Themen/Optionen die Kinder haben und zeige das auch an Papieren. Dadurch wird es auch anschaulicher und dadurch entstehen viele Fragen.

SS: Mit Mediation kann man gerade im Familienbereich die Grundlage für eine langfristig gute Beziehungsebene legen. Was glaubst Du, warum die Hemmschwelle, Mediation in Anspruch zu nehmen, immer noch so groß ist?

HK: Ich kann es nicht ganz genau erklären. Es gibt - glaube ich - verschiedene Punkte. Zum Einen ist es die Frage der Kosten, das ist sicherlich ein Punkt, der viele auch davon abhält Mediation in Anspruch zu nehmen. Es ist leichter Prozesskostenhilfe zu kriegen als die Kosten einer Mediation ersetzt zu bekommen. Das Zweite: Mediation ist immer noch ein Stück in der Esoterikecke, es wird ja immer noch oft mit Meditation verwechselt und dazu tragen sicherlich auch ein paar selbst ernannte Mediatoren bei. Dadurch, dass es keinen festen, geschützten Titel gibt, mischen eine Reihe Leute in dem Bereich mit, ohne wirklich seriös zu arbeiten. Die haben auch ein Stück dazu beigetragen, dass die Mediation nicht den Stellenwert bekommt, der ihr eigentlich zusteht.

SS: Siehst Du denn die Entwicklung, dass Mediation bald als staatlich anerkannter Berufsbereich...

HK: Gesetzliche Regelungen brauchen Zeit. Wenn ich an das Psychotherapeutengesetz denke, das unglaublich lange gebraucht hat, bin ich mir sicher, dass es auch Zeit braucht - wenn auch kürzer. Ich glaube, es wird auch aus Kostengründen notwendig sein, die Mediation einzubauen, weil die Justiz diesem Ansturm an Konflikten, der sowohl im zivilrechtlichen als auch in anderen Bereichen zugenommen hat, nicht mehr Stand halten kann. Da muss die Justiz Alternativen entwickeln und ich glaube, dass daher die Mediation eine gute Chance hat, fest institutionalisiert zu werden.

SS: Gab es Situationen, in denen Du einen richtig guten Impuls für Deine Mediationspraxis bekommen hast?

HK: Also, Impulse gibt es dann, wenn am Ende eine gute Vereinbarung da ist. Zum Beispiel mit einer Familie am Ende dazusitzen inkl. der Kinder und zu sehen, dass es sich für sie aufgelöst hat, dass sie neue Regelungen gefunden haben, dass sie zufrieden wieder raus gehen. Das ist ein ganz wichtiger Impuls.
Das Zweite... Damals, als ich mit der Mediation angefangen habe, kamen die Impulse durch die Rollenspiele in den Seminaren und auch in der Gruppe, die wir als Übungsgruppe hatten. Die waren ganz wichtig. Selbst auszuprobieren, wie so was funktioniert, selber in die Rollen auf beiden Seiten zu gehen und nicht nur drüber zu lesen, sondern einfach diese Sätze mal auszuprobieren, um zu gucken, ob es funktioniert oder nicht. Das hat mir starke Impulse gegeben.

SS: Wenn Du an zukünftige MediatorInnen denkst: Welche Tipps würdest Du ihnen für den weiteren mediativen Weg geben?

HK: Ich würde ihnen empfehlen zu schauen, in welchen Bereichen sie sich beruflich sicher fühlen und in welchen beruflichen Bereichen sie Leidenschaften entwickeln können und dann ganz langsam die Mediation dazu zu nehmen. Die Mediation stärker auszubauen, indem man sie für seinen eigenen Berufsbereich entwickelt. Und nicht schielt, wo/in welchem Bereich wird Mediation gemacht und dann mach ich das da auch ganz schnell.
Ich glaube, dass viele Mediatoren für ihr Berufsfeld übersehen, dass es Möglichkeiten gibt, die Mediation dort zu implantieren. Es nützt nichts, wenn alle auf die Trennungs- und Scheidungsmediation schielen. Sie ist inzwischen ein Stück abgesichert/ abgedeckt. Es geht darum, dass man für seinen eigenen beruflichen Bereich guckt. In wie weit ist Mediation umsetzbar, in wie weit kann ich Mediationsansätze entwickeln, was brauche ich, damit ich Mediation auch in meinem Bereich machen kann.
Dann wird man es auch mit einer größeren Leidenschaft machen.

SS: Die nächste Frage zielt eher auf den privaten Bereich:
Welches ist Dein Lieblingsbuch aus dem Bereich der Belletristik?

HK: Ich habe ein Buch – ich nehme mal das aktuelle - was ich gern lese - das ist von Klaus Theweleit und heißt „Tor zur Welt - Fußball als Realitätsmodell“.

SS: Ganz aktuell zur WM 2006...

HK: Ja, aber auch, weil ich leidenschaftlicher Mittelstürmer bin. Das ist ein sehr kluges Buch, wie ein Kind über den Fußball die Realität/ die Welt erschließen kann.

SS: Was genau ist das Spannende für Dich daran?

HK: Das Spannende ist... Fußball wurde immer als Sport für dumme Leute dargestellt und Theweleit beschreibt, wie der Fußball ihm als Kind geholfen hat, sich die Realitäten anzueignen und sich in der Realität auszukennen. Er beschreibt, dass er die Geographie Deutschlands durch die Fußballtabellen kennen gelernt hat und mich erinnert es an meine eigene Kindheit... Ich habe im Grunde auch über den Fußball einen Zugang zur Welt bekommen und Möglichkeiten, Leidenschaften zu erleben, auch Kontakte mit Männern zu entwickeln. Insofern ist der Fußball mehr als nur „Gebolze“.

SS: Last but not least: Wie lautet Dein Mediationsmotto - knackig kurz zusammengefasst in einem Satz?

HK: Mediation ist Handwerk!



Übersicht zu den bisherigen Interviews mit
>> Dr. Markus Troja
>> Kurt Faller
>> Prof. Stephan Breidenbach
>> Veronika Hillenstedt