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Redaktion
21.08.05, 18:55
Charles Burdell - Erfahrungen eines amerikanischen Mediators
Interview mit Hansjörg Schwartz, aus ZKM, Heft 5/2003

Im Rahmen eines USA Aufenthaltes im Juni diesen Jahres hatte ich die Gelegenheit gemeinsam mit dem amerikanischen Mediator Charles Burdell, einem ehemaligen Richter aus Seattle, Washington eine Mediation aus dem Bereich ?personal injuries? durchzuführen (Eine Dokumentation der Mediation wird voraussichtlich Anfang 2004 in der ZKM veröffentlicht werden). Charles Burdell betreibt mit sechs Kolleginnen und Kollegen ein Mediationsbüro in Seattle, in dem mittlerweile mehrere tausend aussergerichtliche Konfliktlösungen erarbeitet wurden (ausführliche Informationen unter www.jdrllc.com). Das Büro zeichnet sich dadurch aus, dass alle Partner der Gesellschaft vor ihrer Mediationskarriere lange Zeit ein Richteramt innehatten, worauf auch der Name der Kanzlei, Judical Dispute Resolution, zurückzuführen ist. Das Büro verfügt über insgesamt 13 Konferenzräume sowie zwei größere Säle für formale Schiedsverfahren. Bei Mehrparteienkonflikten werden nicht selten die Hälfte der Räume für eine einzelne Mediation reserviert, um die Möglichkeit für Einzelgespräche (Caucuses) zu eröffnen, die zum Standardvorgehen der Mediatoren gehören.

Am Rande des Mediationsverfahrens konnte ich mit Charles Burdell, (dessen Vater als Ankläger bei den Nürnberger Prozessen fungierte), ein Interview führen. Dieses ermöglicht Einblicke in die US-amerikanische Mediationspraxis, die sowohl hinsichtlich der beachtlichen Fallzahlen als auch der großen Vielfalt angewandter Verfahrensmodelle einen anderen gesellschaftlichen Stellenwert besitzt als dies zur Zeit noch bei uns der Fall ist.



Schwartz: Seit wann sind Sie als Mediator tätig ?
Burdell: Ich habe bereits in meiner Tätigkeit als Richter in den achtziger Jahren mediativ gearbeitet ohne mich Mediator zu nennen. Eine große Zahl meiner Fälle kamen so zu einer einvernehmlichen Lösung, ohne dass ich als Richter eine Entscheidung treffen oder Vergleichsvorschläge machen mußte. Anfang der neunziger Jahre habe ich mich dann als Mediator mit meinen Partnern selbständig gemacht.

Schwartz: Was hat Sie dazu veranlaßt, Ihre Richterstelle aufzugeben ?
Burdell: Unter den Kollegen gab es zunehmend Unzufriedenheiten hinsichtlich der Art und Weise meiner Fallbearbeitung, die für einzelne wohl zu progressiv war. Darüber hinaus habe ich festgestellt, dass mich die wirkliche Mediationsarbeit persönlich mehr befriedigt als die richterliche Entscheidung. Schließlich habe ich auch die Rückkehr in die Selbständigkeit als Herausforderung empfunden.

Schwartz: Haben Sie für die Mediationstätigkeit ein spezielles Training absolviert?
Burdell: Nein, zwar habe ich einiges über Mediation gelesen, das methodische Vorgehen hat sich jedoch aus der Praxis heraus entwickelt. Mittlerweile werde ich selber immer wieder als Trainer für mediationsinteressierte Rechtsanwälte und Richter eingeladen und hätte mir gewünscht, dass es entsprechende Angebote schon zu unserer Anfangszeit gegeben hätten.

Schwartz: In welchen Bereichen sind Sie schwerpunktmäßig tätig?
Burdell: Das interessante und schöne an der Mediation ist, dass man sie in unterschiedlichsten Feldern einsetzen kann. Ich mediiere Fälle aus dem Familienrecht genauso wie arbeits- und gesellschaftsrechtliche Auseinandersetzungen. Mein Fachgebiet stellen darüber hinaus Personenschäden (personal injuries) dar. In unserem Büro werden ebenso bau-, umwelt- oder auch produkthaftungsrechtliche Fälle mediiert.

Schwartz: Wie gelangen die Fälle zu Ihnen?
Burdell: Wir haben uns gerade unter den Anwälten einen guten Ruf als seriöse und effektive Vermittler erworben, sodass die Fälle in der Regel über die Parteivertreter an uns herangetragen werden. Gerade bei Konflikten aus dem Wirtschaftsbereich sind in der Mediation häufig ausschließlich die Rechtsanwälte anwesend, die in der Regel über das Internet mit ihren Auftraggebern verbunden sind. (Anmerkung: Bei der von uns gemeinsam durchgeführten Mediation waren sechs der beteiligten sieben Parteien ausschließlich durch ihre Rechtsanwälte vertreten. Es wurden immer wieder Pausen zur Abstimmung mit den Auftraggebern eingelegt).

Schwartz: Warum ziehen die Parteien die Mediation der gerichtlichen Auseinandersetzung vor?
Burdell: Dafür gibt es sehr unterschiedliche Gründe. Häufig scheuen die beteiligten Firmen die Öffentlichkeit, vor allem wenn es sich um das Thema Fahrlässigkeit handelt, hier könnten sonst Präzedenzfälle geschaffen werden. Darüber hinaus bietet unser Rechtssystem vor allem für Verfahren, in denen ein Jury zum Einsatz kommt, kaum die Möglichkeit einer wirklichen Vorhersagbarkeit. Für die beteiligten Anwälte erscheint es daher häufig attraktiver, im Wege der Mediation eine einvernehmliche Vereinbarung auszuhandeln, mit der einerseits die Parteien zufrieden sind, aus der aber auch sie ihre Beteiligung berechnen können (Anmerkung: US-amerikanische Anwälte erhalten für ihre Tätigkeit in häufig eine sogenannte contension fee, die in der Regel einen bestimmten Prozentsatz (z.B. 30%) der Summe ausmacht, die sie für ihre Partei ?erhandeln?. Kommt es nicht zu einer Vereinbarung oder wird ein Gerichtsverfahren verloren, erhält der Anwalt u.U. keinerlei Gebühren).
Für die Parteien selber stehen in der Regel die Geschwindigkeit des Verfahrens sowie die geschützte Atmosphäre im Vordergrund.

Schwartz: In Ihrer Aussendarstellung werben Sie explizit mit Ihrer richterlichen Expertise, warum?
Burdell: In unseren Verfahren arbeiten wir in der Regel mit Einzelgesprächen. Gerade hier scheint es häufig für Beteiligten von großem Interesse zu sein, meine Einschätzung der rechtlichen Lage zu hören, auch wenn ich nur in sehr beschränktem Maß dazu Stellung nehme. Dadurch fällt es Ihnen offensichtlich leichter, sich über die eigenen Verfahrensalternativen mit ihren Chancen und Risiken klar zu werden. Darüber hinaus erlaubt mir meine richterliche Erfahrung aus zahlreichen Vergleichsverhandlungen eine realistische Einschätzung darüber, ob bei Berücksichtigung der eingebrachten Positionen wohl eine einvernehmliche Lösung in der Mediation möglich sein wird. Dadurch wiederum wird die Effektivität unserer Verfahren erhöht und wir können uns auf die erfolgversprechenden Fälle konzentrieren. Unsere Klienten können somit sicher sein, dass unproduktive Verhandlungen vermieden werden. Unser richterlicher Hintergrund trägt außerdem zu einer hohen Akzeptanz unserer Person als Prozeßverantwortlicher bei, was von den Konfliktparteien sehr geschätzt wird, da sie sich voll auf die Inhalte konzentrieren können.

Schwartz: Haben Sie als ehemaliger Richter auch Erfahrungen mit der Kombination mediation / arbitration oder mit anderen Mischverfahren?
Burdell: Eine Stärke unseres Büros, die von den Klienten sehr geschätzt wird ist das Angebot unterschiedlicher alternativer Konfliktlöseverfahren. Wir mediieren gut 80 % unserer Fälle. Der überwiegende Teil der übrigen Konflikte wird als Schiedsverfahren mit festgelegten formalen Regeln durchgeführt (s.u.www.jdrllc.com). Eine Besonderheit sind darüber hinaus sogenannte mocktrials, bei dem ein Gerichtsverfahren unter realistischen Bedingungen ?durchgespielt? wird. In manchen Fällen werden die unterschiedlichen Komponten, z.B. mediation / arbitration auch kombiniert.

Schwartz: Wie lange dauern die Verfahren im Schnitt, wie hoch sind die Kosten und wer trägt sie?
Burdell: Die meisten Mediationen werden innerhalb eines Tages abgeschlossen, wobei bis zur endgültigen Formulierung und Unterzeichnung der rechtsverbindlichen Vereinbarung häufig noch ein paar Tage mit zahlreichen Telephonaten verstreichen. Komplexe Fälle nehmen manchmal auch durchaus Wochen oder sogar Monate in Anspruch. Dies insbesondere dann, wenn wie etwa häufig bei großen Bausachen, Experten und Gutachter in das Verfahren eingebunden werden.
Als Honorar für die Mediatorentätigkeit stelle ich 350-425$ pro Stunde in Rechnung. Das gilt sowohl für die Verhandlung als auch für etwaige Telephonate und das Erstellen von Vertragsentwürfen. Die Verfahrenskosten werden in der Regel zu gleichen Teilen von den Parteien übernommen.

Schwartz: Welche Eigenschaften und Kompetenzen sind Ihrer Meinung nach für einen erfolgreichen Mediator unverzichtbar?
Burdell: Fairness, Ehrlichkeit, Empathie, Geduld und Rückgrat.