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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Umgang mit Tränen in der innerbetrieblichen Mediation


Redaktion
20.01.05, 00:14
Verfasst am: Januar 14, 2004, 9:52 am
MarkusTroja
Titel: Umgang mit Tränen in der innerbetrieblichen Mediation

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wenn jemand gute Erfahrungen gemacht hat, wie man in der Mediation mit Tränen umgehen kann, bin ich an einem Austauscch interessiert. Zweimal ist es bei mir bisher vorgekommen, dass Konfliktparteien in einer innerbetrieblichen Mediation richtig geweint haben. In beiden Fällen hat das viel zum Erfolg der Mediation beigetragen, aber man kann nicht gerade sagen, dass ich darauf vorbereitet war und gezielt damit umgegangen bin.

Einmal war es ein Mann (A) in einem Konflikt mit einer anderen Führungskraft (B). A empfand sich als ohnmächtig, nachdem ihm von B gesagt wurde, niemand traue A. "Alle Mitarbeiter lehnen Sie ab. Da können Sie machen, was Sie wollen. Ihnen glaubt hier niemand mehr." Nach dieser Sitzung hat B zu A gesagt: "Heute habe ich zum ersten mal gemerkt und Ihnen auch abgenommen, dass Sie es ernst meinen und auch an der Situation leiden." Dennoch hatte A offenbar damit zu kämpfen, dass er sich so offen gezeigt hatte. Er rief einige Tage später an und wollte die Mediation beenden. Erst nach einem Einzelgespräch ging es weiter. Die Mediation ist dann glücklicherweise mit einer guten Vereinbarung abgeschlossen worden. Dennoch bleibt meine Unsicherheit, wie das gut auszubalancieren ist. Tränen als Zeichen wahrer Emotionen und Hinweisschild zu den tiefliegenden Bedürfnissen einerseits und der Anspruch, gegenüber dem anderen nicht zu viel Blöße zu zeigen und zu verhindern, dass sie die Weinenden nachher schämen.

Im zweiten Fall, den ich in Co-Mediation mit einem Kollegen gemacht habe, der bei uns in der Ausbildung ist, lief eine Frau in einer Mediation zu einem Teamkonflikt weinend raus. Sie konnte es nicht mehr ertragen, dass ihr Kollege bei all den Vorwürfen so gelassen und kalt bleibt. Auch in der Arbeit erlebe sie ihn als völlig emotionslos und ohne Freundlichkeit und Mitgefühl. Das halte sie nicht länger aus. Hier war der Ausbruch positiv, weil wir noch kurz in der Runde darüber gesprochen haben, dass in der Mediation auch Platz für Emotionen sei und hier ja vieles deutlich werde. Wir konnten dem Kollegen, der Anlass für die Tränen war, spiegeln, was wir für eine Botschaft an ihn von der Kollegin verstanden hatten. Zum Glück war sowieso Mittagspause und die Frau saß vor der Tür. Wir haben mit ihr und nach Rücksprache in der Gruppe auch mit dem Mann kurz allein gesprochen. Auch hier sind wir durch die Tränen zum Kern des Konfliktes gekommen. Aber was hätten wir gemacht, wenn die Frau nicht nur bis vor die Tür gelaufen wäre, sondern weinend ganz das Verfahren verlassen hätte?

Ich bin gespannt auf Eure Erfahrungen mit diesem Thema.

Viele Grüße
Markus Troja

Redaktion
20.01.05, 00:15
von Leyendecker
Verfasst am: März 22, 2004, 3:58 pm
Titel: Tränen sind der Kern des Konfliktes

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Hallo Markus und einen schönen guten Tag,

eine sehr gute Beobachtung, Tränen bringen uns zu dem Kern des Konfliktes.
Es gibt betrieblliche Mediationen, welche rein sachlich zu regeln sind, andere lassen sich nur klären und zu gerechten Lösungen entwickeln, wenn die Tiefenstruktur "angesehen" wird und diese tragend für die Weiterentwicklung ist.
Wer diesen Weg geht - und er ist in bestimmten Formen der Mediation unausweichlich (z.B. bei fast allen Mediationen in kleinen Familienbetrieben, aber auch in Firmen/Abteilungen wo das Klima der Beziehungen für die Betriebsstruktur mit wichtig ist.)
In Betrieben entstehen oft Betriebsstrukturen auch über Beziehungsstrukturen und wo das der Fall ist - werden sich wohl ohne die Bearbeitung der Beziehungsstruktur Blockaden entwickeln.
Der Weg muß dahin gehen - wir als Mediatoren benötigen eine genaue Analyse der bestehenden Konflikte auf unterschiedlichen Ebenen.
Wir müssen den Gang in die Tiefe immer für möglich halten, aber ihn nicht forcieren. Wir müssen gewappnet sein.
Interventionstechniken sind beispielsweise:
Emotionen und deren Reaktionen zulassen und sie positiv werten,
Sie als Thema, Option, Interesse oder Gerechtigkeitsvorstellung formulieren (durchaus auch darauf hinweisen, dass ohne die Emotion uns der Zugang zu diesem Thema verschlossen bleibt)
Sollten Lösungen sich entwickeln - bei der Zusammenfassung nochmals den positiven Weg in die Tiefe/Emotionen ansprechen und die Notwendigkeit für die Lösungserarbeitung sichtbar machen.
Hier u.U. auch die Unterschiedlichkeit der Charaktere der Personen beachten und der jeweilige Beitrag zu den Lösungen und Vereinbarungen.

Ali Leyendecker, Mediator
Piesport/Mosel

Redaktion
20.01.05, 00:16
von Eilfort
Verfasst am: März 24, 2004, 4:03 pm Titel:

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Lieber Markus,
mit Mediationserfahrung kann ich zwar noch nicht weiterhelfen, aber vielleicht dennoch ein Hinweis aus dem Führungsalltag. Neben der meiner Meinung nach völlig richtigen Aussage, daß man Emotionen als wichtigen Teil des Konflikts begreifen muß, ist es zum einen wichtig, gerade für den emotionalen Austausch eine Plattform zu bieten, dem Medianten gerade nicht durch eigenes Unbehagen zu verstehen geben, daß Weinen als störend empfunden werden könnte. Ich habe gute Erfahrungen gemacht, dem Weinenden deutlich zu machen, daß es ankommt, daß der besprochene Punkt für ihn eine besondere Bedeutung hat und daß gerade dieser Punkt auch Platz hat. Wenn es gar nicht mehr geht, eine Pause anbieten, denn wenn der andere rausrennt, dann war der Druck für ihn ja schon nicht mehr auszuhalten. Signalisiert man, daß eine Pause ok ist, man aber selbstverstädnlich davon ausgeht, daß man dann weiterredet, kann man den zusätzlichen Druck, hoffentlich weine ich jetzt nicht, abbauen.
Ein weiterer Punkt ist aber auch wichtig. Es gibt Menschen, die haben als Verhaltensmuster gelernt, wenn ich emotional bin, werde ich eher gehört. Mal weg vom Weinen ein Beispiel: Eine Mitarbeiterin fing immer dann, wenn man sich mit ihr auseinandersetzen wollte, an, sehr laut zu werden. Natürlicher Reflex, man neigt dazu, der Situation aus dem Weg zu gehen. Ebenso beim Weinen, wenn der andere immer dann weint, wenn es ernst wird, geht man dem leicht aus dem Weg, spricht es nur an, wenn es absolut notwendig ist. Hier darf man sich nicht irritieren lassen, zu weinen ist normal und kann Teil des Gesprächs sein. Vorsicht aber, den ruhigeren Part links liegen zu lassen. Vielleicht hat derjenige viel größere Kämpfe, zeigt sie aber nicht nach außen.
Ich denke, man sollte vor allem die eigene Einstellung überprüfen. Wenn man die Reaktion als normal empfindet, strahlt man das auch aus, Weinen ist kein Tabu, sondern ok, aber auch kein Freifahrschein, wenn es unangenehm wird.
Viele Grüße
Susanne