Redaktion
28.11.08, 14:08
Mediation und Beziehungsgewalt - Möglichkeiten, Bedingungen und Grenzen des Einsatzes von Familienmediation bei Gewalt in Paarbeziehungen,
Verfasserin: Ulla Gläßer
Nomos Verlag Baden-Baden, 2008
Reihe: Interdisziplinäre Studien zu Recht und Staat (Band 44)
ISBN: 978-3-8329-3391-3
Rezension von Christoph C. Paul
Gewalt in Beziehungen ein altes und zugleich neues Thema. Laut einer im Jahr 1999 von der Bundesregierung im Rahmen eines Aktionsplanes zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in Deutschland durchgeführten Studie haben rund 25 % der Frauen körperliche Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt. Als Tatorte gaben davon 71 % die eigene Wohnung an. Diese Daten erschüttern und führen uns vor Augen, dass die Problematik der Beziehungsgewalt bei sich trennenden Paaren kein Ausnahmephänomen ist, sondern tagtägliche Realität, zumal das Gewaltpotenzial bei Trennungen und Scheidungen zunimmt. Angestoßen durch feministische Fragestellungen erfährt die individuelle und gesellschaftliche Wahrnehmung und Diskussion von Beziehungsgewalt seit Ende der 80er Jahre in Deutschland die notwendige Aufmerksamkeit. So wurde z.B. Vergewaltigung in der Ehe 1997 unter Strafe gestellt und im Jahr2002 trat das Gewaltschutzgesetz in Kraft.
Ulla Gläßer stößt mit ihrer Arbeit eine theoretisch fundierte und zugleich praxisorientierte Auseinandersetzung mit den Fragen an, wie ein Gewalthintergrund in Mediationen zu erkennen ist, ob Fälle von Beziehungsgewalt überhaupt in Mediatonsverfahren bearbeitet werden dürfen und falls ja wie des geschehen kann.
Die Verfasserin gliedert ihre Untersuchung, die der Juristischen Fakultät der Europa-Universität Viadrina Frankfurt(Oder) als Dissertation vorlag, in 4 Teile: einer grundsätzlichen Beschreibung der Familienmediation, einer Untersuchung über Beziehungsgewalt, der Einsatzfähigkeit von Familienmediation in Fällen von Beziehungsgewalt und letztendlich zur konkreten Ausgestaltung und Einbettung von Familienmediation bei Vorliegen von Beziehungsgewalt.
Bereits im ersten Teil zur Beschreibung der Familienmediation zeigt Ulla Gläßer, um was es ihr geht: nicht nur um einen ersten Anstoß zur Diskussion der Thematik sondern um einen sehr sorgfältigen und grundsätzlichen Blick auf die Grundlagen ihrer Überlegungen. Sie bereitet mit einer umfassenden Darstellung der Mediation gleichsam den Boden für die weiteren Fragestellungen. Dieser Abschnitt, der wie alle Teile der Veröffentlichung mit zahlreichen erklärenden sowie weiterführenden Fußnoten versehen ist, liest sich wie ein eigenständiges Lehrbuch über Familienmediation. Man merkt, dass die Verfasserin nicht nur einen wissenschaftlichen Ansatz verfolgt, sondern dass sie selbst im Rahmen eines Masterstudienganges Mediation lehrt: immer wieder so auch in den folgenden Kapiteln der Blick auf die Lehre, um die Mediatorinnen bezüglich der Eignungskriterien für den Einsatz von Familienmediation zu sensibilisieren.
Der zweite Teil kann unter dem Gesichtspunkt der Beziehungsgewalt als das Kernstück der Arbeit bezeichnet werden. Ausgehend von dem großen Erfahrungsschatz zu Forschungen über die Thematik in den USA, die sehr sorgfältig dargestellt und erklärt werden, endet dieses Kapitel mit der Feststellung, dass die Formen und Szenarien, in denen Beziehungsgewalt auftritt, ebenso vielfältig sind wie die Lebenssituationen und Bedürfnisse der Gewaltbetroffenen und Gewaltausübenden. Um dieser Diversität gerecht zu werden, bedarf es einer Vielfalt unterschiedlicher Verfahrens- und Interventionsmöglichkeiten sowie einer hohen Sensibilisierung und Kompetenz der Mediatoren, die in diesem Kontext arbeiten.
Im dritten Abschnitt ihrer Arbeit erörtert die Verfasserin, ob und unter welchen Voraussetzungen das Mediationsverfahren auch in gewaltbelasteten Beziehungen zur Bearbeitung von familiären Konflikten eingesetzt werden kann. Schon im ersten Teil wird das Mediationsverfehren nicht als Konkurrenz sondern als Ergänzung zu klassisch- rechtlichen, psychosozialen und ökonomischen Präventions-, Interventions- und Hilfsansätzen beschrieben. So muss auch in der Mediation betont werden, dass Gewalt gegen Partner kategorisches Unrecht darstellt und in bestimmten Formen auch strafrechtlich verfolgbar ist. Bei Vorliegen eines Gewalthintergrundes ist gemeinsam mit den Medianten eine differenzierte Einzelfallentscheidung zu treffen über die grundsätzliche Einsatzfähigkeit und die konkrete Ausgestaltung eines Mediationsverfahrens. Die Voraussetzungen, unter welchen Mediation durchgeführt werden kann, werden sorgfältig dargestellt und abgewogen.
Der letzte Teil der Veröffentlichung widmet sich der konkreten Ausgestaltung und Einbettung von Familiemediation bei Vorliegen von Beziehungsgewalt. In diesem Abschnitt zeigt Ulla Gläßer, dass sie eine erfahrene Praktikerin ist: sie empfiehlt ein routinemäßiges Screening zu einem möglichst frühen Zeitpunkt und beschreibt dazu nicht nur die Grundlagen sondern nennt auch ganz konkrete Beispiele, gibt Vorschläge zu Formulierungen, zu Fragestellungen und liefert somit praktisches Handwerkszeug für diese schwierigen Verfahren. Gleichzeitig diskutiert sie den Rahmen, evtl. Schutzmaßnahmen, alles, was notwendig ist, um das Mediationsverfahren optimal durchzuführen.
Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, in diesem Zusammenhang auch die vielfältigen Erfahrungen aus Großbritannien einzubeziehen. Der Legal Aid Act 1988 gibt einen Rahmen für den Umgang mit Beziehungsgewalt in Familienmediationen vor, der auch außerhalb der staatlichen Kostenhilfe Zeichen gesetzt hat (vgl. Parkinson, L. (1997). Family Mediation. London: Sweet & Maxwell). Marian Roberts beschreibt ausführlich das sog. Coogler-Modell, welches bei Familienmediation angewandt wird: Zu Beginn einer jeden Sitzung, die in der Regel insgesamt ca. 2 bis 2 ½ Stunden dauert, finden regelmäßig Einzelsitzungen (seperate sessions) mit den Medianten statt. Auch wenn die Führung von Einzelgesprächen die Integrität des Mediationsflusses gefährden kann, hat sich dieses Verfahren seit über 20 Jahren in Großbritannien bewährt. Oft haben die Medianten erst nach der zweiten oder dritten Sitzung das nötige Vertrauen in die Mediatoren und sind in einer „seperate session“ erstmals bereit, Beziehungsgewalt zu benennen (vgl. Roberts, M. (1997). Mediation in Family Disputes. Hants, Vermont: Ashgate Publishing, 2. Auflage). Die Nutzung dieses Verfahrens hat wesentlich zur Nachhaltigkeit der erarbeiteten Regelungen beigetragen.
Die fast 500 Seiten der Veröffentlichung von Ulla Gläßer sind vom Anfang bis zum Ende eine Bereicherung für die gesamte Mediationsliteratur, nicht nur aber insbesondere auch im Rahmen der Diskussion um Mediation und Beziehungsgewalt. Die in diesen Verfahren tätigen Mediatorinnen und Mediatoren bekommen ein solides Handwerkszeug an die Hand. Die durch Gewaltschilderungen in der eigenen Person angesprochenen Ebenen werden im Einzelfall ohnehin durch regelmäßige Supervision be- und verarbeitet werden müssen. Aber auch andere mit dieser Problematik konfrontierte Berufsgruppen wie Anwälte, Richter sowie alle, die im Bereich der Beratung und Unterstützung gewalttätiger und gewaltbetroffener Personen tätig sind, werden von der Lektüre dieses Werkes profitieren.
Autor der Rezension:
Christoph C. Paul
Rechtsanwalt, Notar und Mediator (BAFM)
Berlin
Verfasserin: Ulla Gläßer
Nomos Verlag Baden-Baden, 2008
Reihe: Interdisziplinäre Studien zu Recht und Staat (Band 44)
ISBN: 978-3-8329-3391-3
Rezension von Christoph C. Paul
Gewalt in Beziehungen ein altes und zugleich neues Thema. Laut einer im Jahr 1999 von der Bundesregierung im Rahmen eines Aktionsplanes zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in Deutschland durchgeführten Studie haben rund 25 % der Frauen körperliche Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt. Als Tatorte gaben davon 71 % die eigene Wohnung an. Diese Daten erschüttern und führen uns vor Augen, dass die Problematik der Beziehungsgewalt bei sich trennenden Paaren kein Ausnahmephänomen ist, sondern tagtägliche Realität, zumal das Gewaltpotenzial bei Trennungen und Scheidungen zunimmt. Angestoßen durch feministische Fragestellungen erfährt die individuelle und gesellschaftliche Wahrnehmung und Diskussion von Beziehungsgewalt seit Ende der 80er Jahre in Deutschland die notwendige Aufmerksamkeit. So wurde z.B. Vergewaltigung in der Ehe 1997 unter Strafe gestellt und im Jahr2002 trat das Gewaltschutzgesetz in Kraft.
Ulla Gläßer stößt mit ihrer Arbeit eine theoretisch fundierte und zugleich praxisorientierte Auseinandersetzung mit den Fragen an, wie ein Gewalthintergrund in Mediationen zu erkennen ist, ob Fälle von Beziehungsgewalt überhaupt in Mediatonsverfahren bearbeitet werden dürfen und falls ja wie des geschehen kann.
Die Verfasserin gliedert ihre Untersuchung, die der Juristischen Fakultät der Europa-Universität Viadrina Frankfurt(Oder) als Dissertation vorlag, in 4 Teile: einer grundsätzlichen Beschreibung der Familienmediation, einer Untersuchung über Beziehungsgewalt, der Einsatzfähigkeit von Familienmediation in Fällen von Beziehungsgewalt und letztendlich zur konkreten Ausgestaltung und Einbettung von Familienmediation bei Vorliegen von Beziehungsgewalt.
Bereits im ersten Teil zur Beschreibung der Familienmediation zeigt Ulla Gläßer, um was es ihr geht: nicht nur um einen ersten Anstoß zur Diskussion der Thematik sondern um einen sehr sorgfältigen und grundsätzlichen Blick auf die Grundlagen ihrer Überlegungen. Sie bereitet mit einer umfassenden Darstellung der Mediation gleichsam den Boden für die weiteren Fragestellungen. Dieser Abschnitt, der wie alle Teile der Veröffentlichung mit zahlreichen erklärenden sowie weiterführenden Fußnoten versehen ist, liest sich wie ein eigenständiges Lehrbuch über Familienmediation. Man merkt, dass die Verfasserin nicht nur einen wissenschaftlichen Ansatz verfolgt, sondern dass sie selbst im Rahmen eines Masterstudienganges Mediation lehrt: immer wieder so auch in den folgenden Kapiteln der Blick auf die Lehre, um die Mediatorinnen bezüglich der Eignungskriterien für den Einsatz von Familienmediation zu sensibilisieren.
Der zweite Teil kann unter dem Gesichtspunkt der Beziehungsgewalt als das Kernstück der Arbeit bezeichnet werden. Ausgehend von dem großen Erfahrungsschatz zu Forschungen über die Thematik in den USA, die sehr sorgfältig dargestellt und erklärt werden, endet dieses Kapitel mit der Feststellung, dass die Formen und Szenarien, in denen Beziehungsgewalt auftritt, ebenso vielfältig sind wie die Lebenssituationen und Bedürfnisse der Gewaltbetroffenen und Gewaltausübenden. Um dieser Diversität gerecht zu werden, bedarf es einer Vielfalt unterschiedlicher Verfahrens- und Interventionsmöglichkeiten sowie einer hohen Sensibilisierung und Kompetenz der Mediatoren, die in diesem Kontext arbeiten.
Im dritten Abschnitt ihrer Arbeit erörtert die Verfasserin, ob und unter welchen Voraussetzungen das Mediationsverfahren auch in gewaltbelasteten Beziehungen zur Bearbeitung von familiären Konflikten eingesetzt werden kann. Schon im ersten Teil wird das Mediationsverfehren nicht als Konkurrenz sondern als Ergänzung zu klassisch- rechtlichen, psychosozialen und ökonomischen Präventions-, Interventions- und Hilfsansätzen beschrieben. So muss auch in der Mediation betont werden, dass Gewalt gegen Partner kategorisches Unrecht darstellt und in bestimmten Formen auch strafrechtlich verfolgbar ist. Bei Vorliegen eines Gewalthintergrundes ist gemeinsam mit den Medianten eine differenzierte Einzelfallentscheidung zu treffen über die grundsätzliche Einsatzfähigkeit und die konkrete Ausgestaltung eines Mediationsverfahrens. Die Voraussetzungen, unter welchen Mediation durchgeführt werden kann, werden sorgfältig dargestellt und abgewogen.
Der letzte Teil der Veröffentlichung widmet sich der konkreten Ausgestaltung und Einbettung von Familiemediation bei Vorliegen von Beziehungsgewalt. In diesem Abschnitt zeigt Ulla Gläßer, dass sie eine erfahrene Praktikerin ist: sie empfiehlt ein routinemäßiges Screening zu einem möglichst frühen Zeitpunkt und beschreibt dazu nicht nur die Grundlagen sondern nennt auch ganz konkrete Beispiele, gibt Vorschläge zu Formulierungen, zu Fragestellungen und liefert somit praktisches Handwerkszeug für diese schwierigen Verfahren. Gleichzeitig diskutiert sie den Rahmen, evtl. Schutzmaßnahmen, alles, was notwendig ist, um das Mediationsverfahren optimal durchzuführen.
Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, in diesem Zusammenhang auch die vielfältigen Erfahrungen aus Großbritannien einzubeziehen. Der Legal Aid Act 1988 gibt einen Rahmen für den Umgang mit Beziehungsgewalt in Familienmediationen vor, der auch außerhalb der staatlichen Kostenhilfe Zeichen gesetzt hat (vgl. Parkinson, L. (1997). Family Mediation. London: Sweet & Maxwell). Marian Roberts beschreibt ausführlich das sog. Coogler-Modell, welches bei Familienmediation angewandt wird: Zu Beginn einer jeden Sitzung, die in der Regel insgesamt ca. 2 bis 2 ½ Stunden dauert, finden regelmäßig Einzelsitzungen (seperate sessions) mit den Medianten statt. Auch wenn die Führung von Einzelgesprächen die Integrität des Mediationsflusses gefährden kann, hat sich dieses Verfahren seit über 20 Jahren in Großbritannien bewährt. Oft haben die Medianten erst nach der zweiten oder dritten Sitzung das nötige Vertrauen in die Mediatoren und sind in einer „seperate session“ erstmals bereit, Beziehungsgewalt zu benennen (vgl. Roberts, M. (1997). Mediation in Family Disputes. Hants, Vermont: Ashgate Publishing, 2. Auflage). Die Nutzung dieses Verfahrens hat wesentlich zur Nachhaltigkeit der erarbeiteten Regelungen beigetragen.
Die fast 500 Seiten der Veröffentlichung von Ulla Gläßer sind vom Anfang bis zum Ende eine Bereicherung für die gesamte Mediationsliteratur, nicht nur aber insbesondere auch im Rahmen der Diskussion um Mediation und Beziehungsgewalt. Die in diesen Verfahren tätigen Mediatorinnen und Mediatoren bekommen ein solides Handwerkszeug an die Hand. Die durch Gewaltschilderungen in der eigenen Person angesprochenen Ebenen werden im Einzelfall ohnehin durch regelmäßige Supervision be- und verarbeitet werden müssen. Aber auch andere mit dieser Problematik konfrontierte Berufsgruppen wie Anwälte, Richter sowie alle, die im Bereich der Beratung und Unterstützung gewalttätiger und gewaltbetroffener Personen tätig sind, werden von der Lektüre dieses Werkes profitieren.
Autor der Rezension:
Christoph C. Paul
Rechtsanwalt, Notar und Mediator (BAFM)
Berlin