Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : aktuelle Literatur
tranquillitas
18.06.09, 14:34
Gibt es aus eurer Sicht aktuelle Fachlitertur aus dem Bereich der Mediation, die ihr Mediatoren bzw. Mediationsinteressierten dringend ans Herz legen würdet?
Ich möchte einen kleinen Rundumschlag (im Sinne eines Überblicks) zur aktuellen Fachliteratur machen und spiele bspw. mit dem Gedanken, mir "Mediation - Vermittlung in Konflikten" von Christoph Besemer zu holen...
Welche Erfahrungen habt ihr mit Publikationen zur Mediation gemacht? Wo liegen die Vorzüge bzw. Nachteile des jew. Werkes aus eurer Sicht?
Nach wie vor halte ich die beiden Bücher
"Scheidung ohne Verlierer" ( 2. Auflg. 2002) von John M. Haynes, Reiner Bastine, Gabriele Link, Axel Mecke
und
"Mediation" Lehrbuch für Psychologen und Juristen (1. Auflg. 2001) von Leo Montada und Elisabeth Kahls
als Einführung für den Praktiker für unabdingbar. Etwas besseres ist mir bislang nicht aufgefallen. Sie haben mir für den Einstieg in die praktische Mediation sehr viel gebracht.
Beide Bücher wurden von Psychologen bzw. Psychotherapeuten geschrieben (Eine Mitwirkung von John Haynes -Rechtsanwalt -, einer der Mitbegründer der Mediationsbewegung in Amerika, ist von der Idee her gegeben). Gleichwohl unterscheiden sie sich in zwei wesentlichen Punkten.
"Scheidung ohne Verlierer" sieht die Mediation als Konfliktlösungsmöglichkeit eher darin, dass sie eine Alternative zum derzeitigen Scheidungsverfahrensrecht darstellt und zu dementsprechenden praktischen Ergebnissen führt, die allerdings über das hinaus gehen, was im Prozess möglich ist. Dementsprechend wird hier das bestehende Recht (eingearbeitet von Silke Klein und Lis Ripke, beide Rechtsanwältinnen und Mediatorinnen BAFM) weitaus mehr berücksichtigt, als bei Montada/Kahls. So enthält es z.B. Berechnungsprinzipien und Beispiele zum Unterhalt oder der Vermögensaufteilung sowie Formulare und Vorschläge zum Vermögensausgleich oder zum Mediationsvertrag.
Das Lehrbuch von Montada/Kahls geht davon aus, dass die Mediation einer moralisch-ethischen Dimension, einer neuen "Streitkultur" zuzurechnen ist (bzw. diese bewirken soll). Die Konfliktlösung soll durch "Aufdeckung der Tiefenstruktur eines Konfliktes zur nachhaltigen Bereinigung" erfolgen. Das Buch ist "nicht als eine konkrete Praxisanleitung" (Vorwort) gedacht, gleichwohl meine ich, für den Praktiker unabdingbar. Recht im eigentlichen Sinne kommt nur im "Glossar juristischer Fachbegriffe" vor. Es wird aber in einem umfangreichem Kapitel die "Psychologie der Gerechtigkeit" dargestellt (in dem aber im Abschnitt Schuld und Verzeihung leider das Wort "Wiedergutmachung" nicht vor kommt - so viel Praxis hätte schon sein sollen). Auch wenn ich nicht glaube, dass die Mediation allein durch Bearbeitung der Tiefenstrukturen in der Lage ist, Konflikte nachhaltig zu lösen oder gar eine neue Streitkultur zu bewirken (seit der frühen Steinzeit sind gerade erst max. 6000 Menschengenerationen vergangen und aus Sicht der Evolution konnte der Mensch sich diesbezüglich den veränderten Verhältnissen nicht anpassen) ist das hier dargelegte Hintergrundwissen für den Praktiker unbedingt nötig.
Anmerken möchte ich noch, dass in "Scheidung ohne Verlierer" der Begriff der "Allparteilichkeit", der ein Jahr vorher im "Lehrbuch" erschien, durch den Begriff "balancierte Wertschätzung" weiter entwickelt wurde. Auch wenn der Verfasser (Bastine) das auch noch nicht als sehr geglückt ansieht, besser als "Allparteilichkeit" ist es auf jeden Fall.
Die beiden Bücher halte ich auch deshalb für sehr wichtig, weil hier die beiden Grundströmungen der Mediation sehr klar werden. Das Konfliktlösungsmodell von Montada/Kals ist für mich allerdings utopisch.
Bernd Bohnet
www.bohnet-mediation.de
bohnet.mediation@gmail.com
Mirko Haas
25.06.09, 08:46
Bücher über Mediation gibt es in der Tat wie Sand am Meer.
Die beiden von Herrn Bohnet vorgestellten finde ich persönlich auch gut, aber sie haben auch eine relativ psychologische Sicht der Dinge (aus meiner Sicht).
Das "Werkstattbuch Mediation" von Hannelore Dietz finde ich insbesondere als "Einstiegshilfe" ebenso interessant.
Dort wird sehr praktisch an einem Musterfall der Ablauf einer Mediation geschildert, und warum in den einzelnen Phasen was gemacht wird, und was auch noch oder gar nicht gehen würde.
Mirko Haas
www.hanse-mediation.de
mail@hanse-mediation.de
tranquillitas
07.10.09, 07:51
Ich greife den Thread noch einmal auf, da ich gerade etwas suche, bislang jedoch nicht fündig geworden bin:
Ich habe mir diverse Literaturlisten zur Mediations-Fachliteratur angeschaut, bin jedoch bislang auf kein Buch gestoßen, dass sich mit den psychologischen Vorgängen innerhalb des Mediationsverfahrens befasst (bspw. auch: Welche psychologischen Vorgänge löst der Einsatz dieser oder jener mediativen Methode aus?).
Gibt es diesbzgl. noch keine empirischen Untersuchungen oder Theorien?
Ich wäre für etwaige Empfehlungen von euch sehr dankbar.
tranquillitas
14.10.09, 08:02
Durchaus empfehlenswert u. das nicht nur für Menschen, die sich mit der gerichtsinternen Mediation befassen:
von Barge "Gerichtsinterne Mediation".
Der Autor zeigt überaus interessante Perspektiven gerade auch für die außergerichtliche, freiberufliche Mediation (siehe insbes. Kapitel zum Wettbewerb der gerichtlichen Verfahren mit alternativen Konfliktlösungsangeboten). Des Weiteren - sowohl für Juristen, als auch für Nicht-Juristen - interessant: Der Abschnitt zum Wandel des Rechts und der rechtlichen Beziehung. Auch oder insbesondere in diesem Zusammenhang offenbart sich ein herausforderndes Betätigungsfeld für freiberufliche Mediatoren.
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