Redaktion
17.02.05, 19:14
Ein Beitrag zur Geschichte der Mediation in Europa
von Dr. Hans Victor Schwartz, Westerstede
Anfang August des Jahres 1643 machte sich in Begleitung einiger weniger Gefährten von Venedig aus ein Mann auf den Weg ins ferne Westfalen, dem der Ruhm besonderer Geschicklichkeit vorauseilte. Alvise Contarini, am 25. April 1597 in Venedig als Sohn eines Patriziers und Diplomaten geboren und seit 1623 selbst im diplomatischen Dienst seiner Vaterstadt stehend, hatte sich schon im Krieg zwischen England und Frankreich bis zum Friedensschluß im Jahre 1629 als ungemein erfolgreicher Vermittler erwiesen.
Dieser Mann also traf nach dreieinhalb-monatiger Anreise am 16. November 1643 in Münster ein, wo er in der damaligen Bürenschen Domherrenkurie Wohnung nahm. In Münster und zugleich auch in Osnabrück hatten sich zu gleicher Zeit 148 Gesandte, darunter 111 Deutsche und 37 Nicht-Deutsche versammelt. Außer England, Rußland und der Türkei fand sich das ganze Europa in den beiden Städten vertreten. Münster war damals eine Stadt von etwa 12.000 Einwohnern.
Mit dem Einzug der Delegierten 1643/44 wuchs die Einwohnerschaft auf nahezu das Doppelte an. Die Unterbringungsprobleme und die logistischen Schwierigkeiten waren entsprechend groß. In den Quartieren herrschte drangvolle Enge.
Es galt, einen Krieg zu beenden, der 1618 in Böhmen begonnen hatte und schließlich ganz Mitteleuropa überzog. Seine Folgen waren für Millionen leidender, gemarteter menschlicher Individuen entsetzlich, er führte aber auch zu einer fast völligen Erschöpfung aller kriegsführenden Parteien und zu der Einsicht, dass keine von ihnen einen endgültigen Sieg würde erringen können. Dies war der Ausgangspunkt der nun ansetzenden ernsthaften Friedensverhandlungen, während welcher freilich die Kampfhandlungen erbittert weitergeführt wurden mit dem Ziel, für die Verhandlungen eine günstigere Position zu erreichen.
Inmitten der 148 Gesandten galten zwei Diplomaten als neutrale Vermittler, zum einen Contarini, Botschafter der Republik Venedig, zum anderen der Nuntius des Papstes, Fabio Chigi, der 1655 als Alexander VII. selbst zum Papst gewählt werden sollte. Neutral konnte man indessen Chigi angesichts der rigiden Verhandlungsvorschriften, die ihm die römische Kurie auferlegt hatte, nicht nennen. Nicht nur, dass er nichts zulassen durfte, was für die Kirche von Nachteil sein konnte, ihm war darüber hinaus jeglicher direkte Kontakt mit den Protestanten verboten. Um es schon an dieser Stelle vorwegzunehmen: Die Abhängigkeit Chigis vom heiligen Stuhl führte dazu, dass er später gegen die Friedensverträge Protest einlegte, weil sie seiner Meinung nach auf Kosten der katholischen Kirche abgeschlossen worden waren. Unzufrieden mit dem Ausgang der Verhandlungen, kehrte er 1649 Münster den Rücken. Alles in allem gesehen hat er, um mit Golo Mann zu sprechen, "bei den Verhandlungen nicht die fördernde Rolle gespielt, die der weltweise Venezianer spielte."
Contarini hingegen vereinigte in seiner Person all jene Eigenschaften, die nach heutigem Standard zu einem Mediator gehören: Er erhob die strikte Unparteilichkeit zu seinem Prinzip. Er ließ sich von allen Konfliktparteien wählen und sie alle waren mit ihm einverstanden. Zum ersten Mal verhandelten die Vertreter von Staaten sehr unterschiedlichen Gewichts und Charakters auf gleichem Fuß miteinander. Von nachhaltiger Bedeutung war, dass hier keine Diskriminierungen oder gar Ausgrenzungen mehr vorkamen, sondern dass alle Gemeinwesen, die souverän waren oder Souveränität beanspruchten, den je anderen als Vertragspartner akzeptierten. Unermüdlich empfing Contarini in Münster die Parteien, um ihre Schriftsätze und mündlichen Erläuterungen entgegenzunehmen. Über die venezianischen Vertretungen in Wien, Paris und Madrid wußte er auf die Entscheidungen der Höfe beschleunigend zu wirken. Dabei dauerte die Kurierpost zu Pferde nach Paris etwa 10 Tage, nach Wien war ein Schreiben 15 Tage und nach Madrid rund einen Monat unterwegs!
Im Gefolge von Contarinis Wirken bildeten sich in Münster bestimmte Formen und Spielregeln des Verhandelns heraus, die im diplomatischen Gebrauch lange verbindlich blieben, mochten dies nun Fragen der Verhandlungstechnik, des Schriftlichkeitgrades, der Verhandlungssprache(n) oder der Rechte und Funktionen der Vermittler sein.
In der "Real-Encyclopädie der gebildeten Stände", 1822 von Brockhaus herausgegeben, ist so auch unter dem Stichwort "Mediateur" zu lesen: "Im Völkerrechte eine vermittelnde Macht, welche durch gütliche Unterhandlung den bevorstehenden oder schon ausgebrochenen Krieg zwischen andern Mächten mit deren Einwilligung friedlich zu schlichten bemüht ist. Die Mediation oder Vermittlung ist wesentlich verschieden: 1. von dem Anerbieten einer gütlichen Dazwischenkunft, um eine Aussöhnung zu bewirken; dieses Anerbieten kann abgelehnt werden. 2. von der schiedsrichterlichen Entscheidung, wenn sich beide feindliche Mächte dem Ausspruche einer neutralen Macht im voraus unterwerfen. ... Bei der Mediation hingegen, wo beide feindliche Mächte einverstanden sind, die Vergleichsvorschläge einer dritten oder mehrerer vermittelnden Mächte anzuhören, sind sie darum nicht verbunden, dieselben auch anzunehmen. ..."
Es ist nicht bekannt, wo und auf welche Weise Contarini sich seine Fertigkeiten aneignete. Bevor er nach Münster kam, war er diplomatisch schon in den Niederlanden, in England, Frankreich, am päpstlichen Hof und sogar in Konstantinopel tätig gewesen. Mag sein, dass er sich an diesen Wirkungsstätten sein Rüstzeug holte. Die Aufgabe allerdings, auf einer multilateralen Konferenz wie der hier in Münster erfolgreich zu vermitteln, bedurfte neben den Standards der Verhandlungsführung, der Verhandlungssprache und der Verhaltensformen sicher auch der Gabe der Intuition.
Fabio Chigi soll an über 800 Sitzungen beteiligt gewesen sein. Für Contarini gilt sicher ähnliches. Endlich, am 24. Oktober 1648, nach nahezu 5 Jahren mühevoller Vermittlung kam es zum endgültigen Friedensschluss in Münster. Contarinis großer Anteil fand nicht nur in seiner ausdrücklichen persönlichen Erwähnung im Vertragstext Dank und rühmende Würdigung, sondern auch dadurch, dass sein Portrait, gemalt von Jan Baptista Floris aus Antwerpen (1617-1655), schon kurz nach Unterzeichnung der Verträge im Friedenssaal des Rathauses in Münster neben den Portraits der 35 bedeutsamsten "Friedensstifter" Aufnahme fand. Diese Gesandten-Galerie hat die Jahrhunderte bis heute überdauert.
Zur selben Zeit kamen u. a. von Amselm von Hulle, Gent (1601- nach1674), de Jode, Antwerpen (1606- nach1674) , dann aber auch bei Merian und Aubry Kupferstichsammlungen heraus. Es ist bemerkenswert, dass Contarini in all diesen Werken als "Eques Patricius Venetus extraordinarius ad Pacis Tractatus Universalis, Legatus et M e d i a t o r " (also als "venezianischer Ritter und Patrizier, außerordentlicher Gesandter zu den Verhandlungen über einen allgemeinen Frieden und Vermittler") bezeichnet wird. Bemerkenswert auch, dass die Bezeichnung Mediator schon in der deutschen Ausgabe einer anderen Portrait-Sammlung, in Nürnberg verlegt 1681, Verwendung findet. Sie trägt den Titel: "Wahrhaffte Contrafacturen und Abbildungen derer Weltberühmten und Preißwürdigsten Herren M e d i a t o r e n ..." (Hermann Heinrich Guiter, Nürnberg, 1628 - 1708).
Anfang August 1649 - seine Mediationstätigkeit hatte über 5 Jahre lang gedauert (!) - reiste Contarini aus Münster ab, um in Frankreich die Friedensverhandlungen mit Spanien zu fördern. Das feuchte und kalte Klima in Münster hatte allerdings seiner Gesundheit so zugesetzt, dass er sich im März 1650 wegen eines schweren Gichtleidens abberufen lassen musste. Einem weiteren Ruf, bei den Friedensverhandlungen zwischen Schweden und Polen in Lübeck als Vermittler zu erscheinen, folgte er nicht mehr. Die Republik Venedig setzte ihm 1651 ein Sondergehalt aus, damit er seine Erinnerungen und Beobachtungen niederschreibe, doch schon bald darauf starb Contarini. Er wurde in der Familienkapelle in der Kirche S. Maria dell'Orto beigesetzt. Ein 1653 errichtetes Grabdenkmal kündet noch heute von diesem venezianischen Meister-Diplomaten, der den Ruf der Stadtrepublik Venedig in Europa als Inbegriff staatsklugen Handelns festigte.
Seit dem Friedensschluss zu Münster sind über 350 Jahre vergangen. Aber auch im Licht der Gegenwart darf gesagt werden, dass wir schon im Vorgehen Contarinis im 17. Jahrhundert all diejenigen Merkmale angelegt finden, die über die Vermittlung im Völkerrecht hinaus nach heutiger Anschauung zum Formenkreis der Mediation schlechthin gehören: Die Freiwilligkeit der Parteien, ihre Eigenverantwortlichkeit wie ihre volle Informiertheit, die Vertraulichkeit des Prozesses und die Neutralität des Mediators. Deshalb zählt Alvise Contarini auch unbestreitbar zu den Wegbereitern des Mediationsverfahrens moderner Prägung.
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(Fundstellen und weiterführende Literatur: "Alvise Contarini und der Westfälische Friedenskongress in Münster", Ausstellungskatalog Universitätsbibliotek Münster 1982; "... Zu einem stets währenden Gedächtnis": Die Friedenssäle in Münster und Osnabrück und ihre Gesandten-Portraits, Hrsg. von Karl Georg Kaster u. a., Raschverlag, Bramsche; "30jähriger Krieg, Münster und der Westfälische Frieden", Stadtmuseum Münster 1998;
Dickmann Fritz: "Der Westfälische Frieden", Aschendorff, Münster 1992; "350 Jahre Westfälischer Frieden" in Der Rotarier Jahrgang 48, September 1998, Hans Christians Druckerei und Verlag, Hamburg; Mann Golo: "Das Zeitalter des dreißigjährigen Krieges", Propyläen Weltgeschichte, Band 7, 1. Halbband, Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M. - Berlin - Wien.)
( Der Verfasser – Rechtsanwalt und Notar a.D. – ist seit 1996 in Westerstede als Mediator (BAFM) tätig.)
(c) 2005, Dr. Hans Victor Schwartz, Westerstede
von Dr. Hans Victor Schwartz, Westerstede
Anfang August des Jahres 1643 machte sich in Begleitung einiger weniger Gefährten von Venedig aus ein Mann auf den Weg ins ferne Westfalen, dem der Ruhm besonderer Geschicklichkeit vorauseilte. Alvise Contarini, am 25. April 1597 in Venedig als Sohn eines Patriziers und Diplomaten geboren und seit 1623 selbst im diplomatischen Dienst seiner Vaterstadt stehend, hatte sich schon im Krieg zwischen England und Frankreich bis zum Friedensschluß im Jahre 1629 als ungemein erfolgreicher Vermittler erwiesen.
Dieser Mann also traf nach dreieinhalb-monatiger Anreise am 16. November 1643 in Münster ein, wo er in der damaligen Bürenschen Domherrenkurie Wohnung nahm. In Münster und zugleich auch in Osnabrück hatten sich zu gleicher Zeit 148 Gesandte, darunter 111 Deutsche und 37 Nicht-Deutsche versammelt. Außer England, Rußland und der Türkei fand sich das ganze Europa in den beiden Städten vertreten. Münster war damals eine Stadt von etwa 12.000 Einwohnern.
Mit dem Einzug der Delegierten 1643/44 wuchs die Einwohnerschaft auf nahezu das Doppelte an. Die Unterbringungsprobleme und die logistischen Schwierigkeiten waren entsprechend groß. In den Quartieren herrschte drangvolle Enge.
Es galt, einen Krieg zu beenden, der 1618 in Böhmen begonnen hatte und schließlich ganz Mitteleuropa überzog. Seine Folgen waren für Millionen leidender, gemarteter menschlicher Individuen entsetzlich, er führte aber auch zu einer fast völligen Erschöpfung aller kriegsführenden Parteien und zu der Einsicht, dass keine von ihnen einen endgültigen Sieg würde erringen können. Dies war der Ausgangspunkt der nun ansetzenden ernsthaften Friedensverhandlungen, während welcher freilich die Kampfhandlungen erbittert weitergeführt wurden mit dem Ziel, für die Verhandlungen eine günstigere Position zu erreichen.
Inmitten der 148 Gesandten galten zwei Diplomaten als neutrale Vermittler, zum einen Contarini, Botschafter der Republik Venedig, zum anderen der Nuntius des Papstes, Fabio Chigi, der 1655 als Alexander VII. selbst zum Papst gewählt werden sollte. Neutral konnte man indessen Chigi angesichts der rigiden Verhandlungsvorschriften, die ihm die römische Kurie auferlegt hatte, nicht nennen. Nicht nur, dass er nichts zulassen durfte, was für die Kirche von Nachteil sein konnte, ihm war darüber hinaus jeglicher direkte Kontakt mit den Protestanten verboten. Um es schon an dieser Stelle vorwegzunehmen: Die Abhängigkeit Chigis vom heiligen Stuhl führte dazu, dass er später gegen die Friedensverträge Protest einlegte, weil sie seiner Meinung nach auf Kosten der katholischen Kirche abgeschlossen worden waren. Unzufrieden mit dem Ausgang der Verhandlungen, kehrte er 1649 Münster den Rücken. Alles in allem gesehen hat er, um mit Golo Mann zu sprechen, "bei den Verhandlungen nicht die fördernde Rolle gespielt, die der weltweise Venezianer spielte."
Contarini hingegen vereinigte in seiner Person all jene Eigenschaften, die nach heutigem Standard zu einem Mediator gehören: Er erhob die strikte Unparteilichkeit zu seinem Prinzip. Er ließ sich von allen Konfliktparteien wählen und sie alle waren mit ihm einverstanden. Zum ersten Mal verhandelten die Vertreter von Staaten sehr unterschiedlichen Gewichts und Charakters auf gleichem Fuß miteinander. Von nachhaltiger Bedeutung war, dass hier keine Diskriminierungen oder gar Ausgrenzungen mehr vorkamen, sondern dass alle Gemeinwesen, die souverän waren oder Souveränität beanspruchten, den je anderen als Vertragspartner akzeptierten. Unermüdlich empfing Contarini in Münster die Parteien, um ihre Schriftsätze und mündlichen Erläuterungen entgegenzunehmen. Über die venezianischen Vertretungen in Wien, Paris und Madrid wußte er auf die Entscheidungen der Höfe beschleunigend zu wirken. Dabei dauerte die Kurierpost zu Pferde nach Paris etwa 10 Tage, nach Wien war ein Schreiben 15 Tage und nach Madrid rund einen Monat unterwegs!
Im Gefolge von Contarinis Wirken bildeten sich in Münster bestimmte Formen und Spielregeln des Verhandelns heraus, die im diplomatischen Gebrauch lange verbindlich blieben, mochten dies nun Fragen der Verhandlungstechnik, des Schriftlichkeitgrades, der Verhandlungssprache(n) oder der Rechte und Funktionen der Vermittler sein.
In der "Real-Encyclopädie der gebildeten Stände", 1822 von Brockhaus herausgegeben, ist so auch unter dem Stichwort "Mediateur" zu lesen: "Im Völkerrechte eine vermittelnde Macht, welche durch gütliche Unterhandlung den bevorstehenden oder schon ausgebrochenen Krieg zwischen andern Mächten mit deren Einwilligung friedlich zu schlichten bemüht ist. Die Mediation oder Vermittlung ist wesentlich verschieden: 1. von dem Anerbieten einer gütlichen Dazwischenkunft, um eine Aussöhnung zu bewirken; dieses Anerbieten kann abgelehnt werden. 2. von der schiedsrichterlichen Entscheidung, wenn sich beide feindliche Mächte dem Ausspruche einer neutralen Macht im voraus unterwerfen. ... Bei der Mediation hingegen, wo beide feindliche Mächte einverstanden sind, die Vergleichsvorschläge einer dritten oder mehrerer vermittelnden Mächte anzuhören, sind sie darum nicht verbunden, dieselben auch anzunehmen. ..."
Es ist nicht bekannt, wo und auf welche Weise Contarini sich seine Fertigkeiten aneignete. Bevor er nach Münster kam, war er diplomatisch schon in den Niederlanden, in England, Frankreich, am päpstlichen Hof und sogar in Konstantinopel tätig gewesen. Mag sein, dass er sich an diesen Wirkungsstätten sein Rüstzeug holte. Die Aufgabe allerdings, auf einer multilateralen Konferenz wie der hier in Münster erfolgreich zu vermitteln, bedurfte neben den Standards der Verhandlungsführung, der Verhandlungssprache und der Verhaltensformen sicher auch der Gabe der Intuition.
Fabio Chigi soll an über 800 Sitzungen beteiligt gewesen sein. Für Contarini gilt sicher ähnliches. Endlich, am 24. Oktober 1648, nach nahezu 5 Jahren mühevoller Vermittlung kam es zum endgültigen Friedensschluss in Münster. Contarinis großer Anteil fand nicht nur in seiner ausdrücklichen persönlichen Erwähnung im Vertragstext Dank und rühmende Würdigung, sondern auch dadurch, dass sein Portrait, gemalt von Jan Baptista Floris aus Antwerpen (1617-1655), schon kurz nach Unterzeichnung der Verträge im Friedenssaal des Rathauses in Münster neben den Portraits der 35 bedeutsamsten "Friedensstifter" Aufnahme fand. Diese Gesandten-Galerie hat die Jahrhunderte bis heute überdauert.
Zur selben Zeit kamen u. a. von Amselm von Hulle, Gent (1601- nach1674), de Jode, Antwerpen (1606- nach1674) , dann aber auch bei Merian und Aubry Kupferstichsammlungen heraus. Es ist bemerkenswert, dass Contarini in all diesen Werken als "Eques Patricius Venetus extraordinarius ad Pacis Tractatus Universalis, Legatus et M e d i a t o r " (also als "venezianischer Ritter und Patrizier, außerordentlicher Gesandter zu den Verhandlungen über einen allgemeinen Frieden und Vermittler") bezeichnet wird. Bemerkenswert auch, dass die Bezeichnung Mediator schon in der deutschen Ausgabe einer anderen Portrait-Sammlung, in Nürnberg verlegt 1681, Verwendung findet. Sie trägt den Titel: "Wahrhaffte Contrafacturen und Abbildungen derer Weltberühmten und Preißwürdigsten Herren M e d i a t o r e n ..." (Hermann Heinrich Guiter, Nürnberg, 1628 - 1708).
Anfang August 1649 - seine Mediationstätigkeit hatte über 5 Jahre lang gedauert (!) - reiste Contarini aus Münster ab, um in Frankreich die Friedensverhandlungen mit Spanien zu fördern. Das feuchte und kalte Klima in Münster hatte allerdings seiner Gesundheit so zugesetzt, dass er sich im März 1650 wegen eines schweren Gichtleidens abberufen lassen musste. Einem weiteren Ruf, bei den Friedensverhandlungen zwischen Schweden und Polen in Lübeck als Vermittler zu erscheinen, folgte er nicht mehr. Die Republik Venedig setzte ihm 1651 ein Sondergehalt aus, damit er seine Erinnerungen und Beobachtungen niederschreibe, doch schon bald darauf starb Contarini. Er wurde in der Familienkapelle in der Kirche S. Maria dell'Orto beigesetzt. Ein 1653 errichtetes Grabdenkmal kündet noch heute von diesem venezianischen Meister-Diplomaten, der den Ruf der Stadtrepublik Venedig in Europa als Inbegriff staatsklugen Handelns festigte.
Seit dem Friedensschluss zu Münster sind über 350 Jahre vergangen. Aber auch im Licht der Gegenwart darf gesagt werden, dass wir schon im Vorgehen Contarinis im 17. Jahrhundert all diejenigen Merkmale angelegt finden, die über die Vermittlung im Völkerrecht hinaus nach heutiger Anschauung zum Formenkreis der Mediation schlechthin gehören: Die Freiwilligkeit der Parteien, ihre Eigenverantwortlichkeit wie ihre volle Informiertheit, die Vertraulichkeit des Prozesses und die Neutralität des Mediators. Deshalb zählt Alvise Contarini auch unbestreitbar zu den Wegbereitern des Mediationsverfahrens moderner Prägung.
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(Fundstellen und weiterführende Literatur: "Alvise Contarini und der Westfälische Friedenskongress in Münster", Ausstellungskatalog Universitätsbibliotek Münster 1982; "... Zu einem stets währenden Gedächtnis": Die Friedenssäle in Münster und Osnabrück und ihre Gesandten-Portraits, Hrsg. von Karl Georg Kaster u. a., Raschverlag, Bramsche; "30jähriger Krieg, Münster und der Westfälische Frieden", Stadtmuseum Münster 1998;
Dickmann Fritz: "Der Westfälische Frieden", Aschendorff, Münster 1992; "350 Jahre Westfälischer Frieden" in Der Rotarier Jahrgang 48, September 1998, Hans Christians Druckerei und Verlag, Hamburg; Mann Golo: "Das Zeitalter des dreißigjährigen Krieges", Propyläen Weltgeschichte, Band 7, 1. Halbband, Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M. - Berlin - Wien.)
( Der Verfasser – Rechtsanwalt und Notar a.D. – ist seit 1996 in Westerstede als Mediator (BAFM) tätig.)
(c) 2005, Dr. Hans Victor Schwartz, Westerstede