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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Interview mit Veronika Hillenstedt


Redaktion
28.02.05, 12:56
Das im Folgenden veröffentlichte Gespräch ist das erste einer Reihe von Interviews mit erfahrenen Mediatorinnen und Mediatoren aus den verschiedenen Anwendungsfeldern der Mediation. In den nächsten Monaten erfahren Sie an dieser Stelle berufliche und persönliche Einschätzungen und Erfahrungen von den Mediatoren Stephan Breidenbach, Lis Ripke, Kurt Faller, Markus Troja u.a.


Das folgende Interview wurde von Alexia Glaveris am 23.11.2004 geführt und von Dorothee Kalisch bearbeitet.

AG: Veronika, was motiviert und was frustriert Dich an Deiner Arbeit im Bereich des Täter-Opfer-Ausgleichs?

VH: An der Arbeit motiviert mich - ich habe mir das ja ganz bewusst ausgesucht und habe den Verein Konfliktschlichtung hier aufgebaut. Ich habe Diplompädagogik in Oldenburg und in Berlin studiert, wollte aber nicht als Sozialarbeiterin arbeiten und jemandem sagen müssen, was er zu tun oder zu lassen hat. Während des Studiums war ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich das richtige Studienfach gewählt hatte. Ich habe mich mit Alternativen zum Strafvollzug beschäftigt und bin zufällig auf denTäter-Opfer-Ausgleich gestoßen. Dann wurde in Deutschland das erste Modellprojekt vorgestellt, und als ich das mitbekam, dachte ich: „Das mache ich auch! Oder ich mache gar nichts mehr in dem Bereich, ich mache eine Umschulung.“

AG: Was war der Punkt, an dem Du Feuer gefangen hast?

VH: Dass das eine Sache ist, die ich mit dem, was ich gelernt habe, machen kann, ohne dass ich betreuerisch tätig werde. Der Hauptpunkt für mich war und ist es heute noch, dass die Konfliktbeteiligten die Verantwortung für das, was gewesen ist, behalten, und ich nur den Rahmen dafür gebe, dass sie sich treffen und miteinander reden können und die Sache alleine aus der Welt schaffen. Das ist genau das, was ich gut finde. Ich bin davon überzeugt, dass 80% aller Straftaten mit dem Täter-Opfer-Ausgleich bearbeitet werden könnten, aber es werden noch nicht mal 10% damit bearbeitet. Wenn Täter und Opfer einer Straftat miteinander ins Gespräch kommen, wird Ihnen viel abverlangt, viele kennen das gar nicht und sind es nicht gewohnt, miteinander zu reden. Wenn sie merken, was das alles bedeutet, und auch ihr Gegenüber erleben und kennenlernen - das ist die höchste Qualität, die Du haben kannst.

AG: Dass sie sich darüber bewusst werden, was sie gemacht haben?

VH: Ja, den Beschuldigten wird dadurch erst bewusst, was passiert ist. Vorher denken sie nicht darüber nach, weil die Tat in den meisten Fällen aus der Situation heraus passiert. Hinterher haben sie mit den Geschädigten meistens nichts mehr zu tun und machen sich deshalb keine Gedanken darüber, ob die wochenlang Schmerzen haben, im Krankenhaus waren, Ängste haben oder nicht mehr auf die Straße gehen; das erfahren sie erst im gemeinsamen Gespräch. In einer Gerichtsverhandlung bekommen sie so was überhaupt nicht mit, da ist nicht der Rahmen dafür, darüber können sie dort nicht reden. Bei uns können die Geschädigten, die direkt betroffen sind, das erste Mal mit den Leuten reden, die ihnen etwas angetan haben, über ihre inneren Ängste, Trauer, Wut, was so hochkommt, aber auch über die materiellen Schäden; und können sehen, dass ihr Gegenüber nicht ein Monster ist, sondern ein ganz normaler Mensch, und können dadurch die Sachen für sich selber bearbeiten. Mich motiviert immer wieder, wenn ich sehe, wie sie sich annähern, wie sie wieder bereit sind, miteinander zu reden, und dass es Aha-Erlebnisse für beide Seiten gibt.

AG: Gibt es auch Sachen, die Dich bei der Arbeit frustrieren?

VH: Ja, da gibt es einiges. Aber das sind nicht die Fälle, das sind die Bedingungen, unter denen wir arbeiten müssen. Die Finanzierung ist von Jahr zu Jahr nicht gesichert. Ich bin in der Hauptsache damit beschäftigt, dass wir arbeiten können. Wir müssen immer im Gespräch bleiben, damit wir Fälle bekommen; bleiben die Fälle weg, gäbe es keine Legitimation, uns zu bezahlen. Ich verbringe viel Zeit damit, Aktionen zu starten, damit der Verein Konfliktschlichtung von Jahr zu Jahr wieder Geld bewilligt bekommt und nicht gekürzt wird. Was mich manchmal ermüdet, ist, dass ich praktisch seit 17 Jahren immer das Gleiche erzähle - Nuancen eingearbeitet, - damit wir weiterarbeiten können. Reden wir mit Geldgebern über unsere Arbeit, findet sie immer Zustimmung; keiner der Geldgeber sagt: „Wir brauchen den Verein Konfliktschlichtung nicht. Es ist wie gegen Watte laufen. Meines Erachtens fehlt die letzte Konsequenz, bedingungslos zu der Sache zu stehen. Das finde ich schon manchmal frustrierend! Aber die Arbeit an sich, die frustriert mich nicht. Ich glaube, wenn die Arbeit mir nicht Spaß machen würde, hätte ich schon lange aufgehört, weil das im Grunde kein Zustand ist. Die Bedingungen sind sehr schlecht, unter denen wir hier arbeiten, und wir müssen immer wieder zusehen, dass wir motiviert bleiben, weil wir nie wissen, ob wir im nächsten Jahr weiterarbeiten können.
Es gibt Vorgaben: wir müssen im Jahr im Jugendbereich 85 bis 100 Fälle bearbeiten, das reicht für eine Stelle, und wenn Du noch Verwaltung machst, kannst Du bis auf 65 runtergehen. Aber im Erwachsenenbereich müssen wir viel mehr Fälle bearbeiten, 120 bis 150 Fälle im Jahr pro Stelle, das ist schon ganz schön viel.

AG: Wieviel machst Du selbst in einem Jahr, kannst Du das einschätzen?

VH: Im Jugendbereich habe ich zwischen 80 bis 120 Fällen im Jahr zu bearbeiten. Jetzt sind wir bei 98, ich denke, wir kommen wieder auf über 100. Die Regel ist zwischen 80 und 120. Wenn wir nur 80 Fälle haben, bin ich unzufrieden, finde ich viel zu wenig, denn das Potential an möglichen Fällen ist damit lange nicht ausgeschöpft.

AG: Eine andere Frage: Hast Du unorthodoxe Seiten? Machst Du Sachen, von denen Kollegen vielleicht sagen würden: „Dass ist doch ganz unklassisch“?

VH: Ich glaube nicht. Es gibt massenhaft Methoden, die eingesetzt werden können, und jeder nimmt die Methoden für sich, die gerade passen. Es kann natürlich mal sein, dass ich Methoden einsetze, die mein Kollege nie einsetzen würden, aber deswegen würde ich nicht sagen, sie sind unorthodox.

AG: Könntest Du zwei Techniken aus Deinem Werkzeugkoffer beschreiben?

VH: Ganz normal ist ja Spiegeln und aktives Zuhören, aber was ich auch oft mache, ist Stühle-Wechseln, gerade wenn die Situation total verhärtet ist, wenn die Parteien in dem verhakt sind, wie sie das erlebt haben. Ich gehe immer davon aus, dass das wirklich ihre Sichtweise ist, die hat auch ihre Berechtigung. Aber wenn die beiden so konfrontativ sind, dass sie sich überhaupt nicht nähern können, dann sollen sie die Stühle tauschen und sollen sich in die Perspektive des anderen reinversetzen, zum Perspektivenwechsel, zum Überlegen und damit sie mal von sich wegkommen. Sie sollen beschreiben, wie sie meinen, wie der andere das erlebt hat; sollen sich z.B. in die Situation des Geschädigten reinversetzen und überlegen und erzählen, wie sie das gerade erleben. Das machen beide und dadurch kommen sie aus dem Verhärteten raus und haben wieder eher die Möglichkeit, miteinander zu sprechen. Aber das mache ich nur, wenn es wirklich zu hart aufeinandertrifft.

AG: Hast Du ein Beispiel, wo Du das gemacht hast?

VH: Bei Jugendlichen; da ging es darum, dass der Eine dem Anderen die Freundin ausgespannt hat. Der Eine war wohl ein paar Jahre mit dem Mädchen zusammengewesen. Der Täter - da kannst Du ja nicht von Täter und Opfer sprechen: der Beschuldigte war ursprungsmäßig der Freund des Geschädigten gewesen und war nicht mehr mit seiner Freundin zusammen. Dann war die Ex-Freundin plötzlich mit dem Geschädigten zusammen, und dadurch war der Andere verletzt, weil er eigentlich immer noch mit der Frau zusammen sein wollte. Der Geschädigte fand es unmöglich , dass sein bester Freund jetzt mit seiner ehemaligen Freundin zusammen war. Das war für ihn ein Vertrauensbruch, was er überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Er hatte seinen Freund verloren und fühlte sich von dem betrogen, weil der jetzt mit seiner Ex-Freundin zusammen war. Und die Freundin fühlte sich nicht zuständig, sie hatte aus ihrer Sicht mit der ganzen Sache überhaupt nichts zu tun, weil sie meinte: „Das ist Sache der Typen.“ Das führte dazu, dass es total eskaliert ist, dass sie sich gegenseitig über längere Zeit, immer wenn sie sich getroffen haben, beleidigt und gestritten haben. Eines Tages haben sie sich dann geschlagen. Da wurde der Geschädigte von dem Beschuldigten zusammengeschlagen, weil der das nicht mehr ausgehalten hatte. Er war so drin in seinem Frust und seiner Wut, dass er zwar sagte: „Ja, ich habe ihn geschlagen, aber er hat auch selber Schuld, dass ich ihn geschlagen habe.“ Er wollte aber schon mit ihm darüber reden, wollte ihm erklären, warum das passiert ist, das war ihm wichtig. Aber er war dazu nicht in der Lage, weil seine Emotionen hochgekocht waren. Er war auch nicht in der Lage, dem anderen zuzuhören. Und der Geschädigte, der war auch nicht viel anders, der ist auch dagegen an, weil er nicht verstehen konnte, was der überhaupt hatte, und sagte immer nur „Wieso? Die Frau wollte doch gar nichts mehr von dem. Die waren doch gar nicht mehr zusammen.“ Und „Ich versteh das gar nicht, dass der so ausgerastet ist.“ Das war z.B. eine Situation, in der ich einen Wechsel gemacht habe. Das hatte zur Folge, dass der Beschuldigte ruhiger wurde; beim Geschädigten hatte das zur Folge, dass er in der Lage war nachzuvollziehen, warum der andere ausgetickt ist, und er konnte das benennen. Anschließend konnten wir ein normales Gespräch führen.
Die Methode des Doppelns wende ich z.B. auch an. Finde ich eine gute Methode, bloß kannst Du nicht ständig doppeln, da fühlen sich die Leute veräppelt. Ich hatte das einmal in der Anfangszeit, weil ich die Methoden so klasse fand, da hat einer zu mir gesagt „Meinen Sie, ich kann mich nicht ausdrücken?“

AG: Wir haben Dich als Repräsentantin des Täter-Opfer-Ausgleichs ausgewählt. Was sind die Besonderheiten in diesem Bereich im Gegensatz zu anderen Mediationsfeldern?

VH: Die Besonderheiten sind: Wir machen immer Vorgespräche. Eine andere Besonderheit: Es gibt immer einen Beschuldigten und einen Geschädigten, also einen, der eine Anzeige gemacht hat, in den meisten Fällen bei der Polizei. Die Leute kommen auch nicht ganz freiwillig zu uns, die Fälle werden uns von der Staatsanwaltschaft oder vom Gericht übertragen. Wir haben ca. 10% Selbstmelder, die von sich aus kommen; anstrebenswert wäre es, die Selbstmelderquote weiter auszubauen, aber der Täter-Opfer-Ausgleich ist immer noch nicht überall bekannt. In anderen Mediationsfeldern kommen die Leute von sich aus, aber wir bekommen die Fälle überwiegend vor der Anklageerhebung von der Staatsanwaltschaft. Dann laden wir die Leute zum Vorgespräch ein und klären ab, ob eine Bereitschaft vorhanden ist oder nicht, weil das Gespräch freiwillig sein soll. In diesem Vorgespräch geht es darum, den Beteiligten zu erklären, dass es auch in Ordnung ist, wenn sie das Gespräch nicht möchten; es darf kein Nachteil für beide sein, wenn sie nicht miteinander reden möchten. Das alles findet im strafrechtlichen Kontext statt, das ist die Besonderheit. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass viele Konfliktbeteiligte keine Beziehung zueinander haben. Bei der Scheidungsmediation kennen sie sich, bei Nachbarschaftsstreitigkeiten kennen sie sich auch schon länger, im Täter-Opfer-Ausgleich sind die meisten Fälle situationsbedingte Taten, zumindest bei jugendlichen Konfliktbeteiligten, im Erwachsenenbereich bestehen öfter mal Beziehungen untereinander. Eine Besonderheit ist auch, dass es in der Regel ein Vorgespräch mit dem Beschuldigten und mit dem Geschädigten gibt, jeweils getrennt. Die Vorgespräche sind wichtig, um zu erfahren, ob eine Bereitschaft der Konfliktbeteiligten für ein gemeinsames Treffen vorhanden ist. Wir Mediatorinnen und Mediatoren im Täter-Opfer-Ausgleich müssen außerdem im Vorgespräch mit dem Geschädigten eine Traumatisierung erkennen oder ausschließen können, um zu entscheiden ob ein gemeinsames Vermittlungsgespräch überhaupt stattfinden kann. Wenn eine Therapie notwendig ist, ist der Fall nicht TOA-geeignet, sondern die Therapie hat Vorrang. In der Regel ist mit einem Ausgleichsgespräch die Sache bearbeitet und für alle Seiten erledigt, es gibt nur in Ausnahmefällen weitere gemeinsame Gespräche: z.B. wenn sich Beteiligte Bedenkzeit erbeten oder doch mehr Konfliktpotential bearbeitet werden muss. Es gibt klare Kriterien für einen Täter-Opfer-Ausgleich: Es muss ein geklärter Sachverhalt zu Grunde liegen, außerdem muss ein persönlich Geschädigter vorhanden sein, und alle Konfliktbeteiligten sind zu einem gemeinsamen Gespräch bereit. Es geht im Gespräch um das, was passiert ist, welche Gefühlslagen während und nach der Tat wichtig waren, wie die Betroffenen zukünftig konstruktiv miteinander umgehen möchten, und es geht um materielle Entschädigung. Aber es geht nicht um das ganze Drumherum, z. B. Lebensverhältnisse, schlechte Kindheit usw., was sonst noch zu regeln wäre, das gehört nicht mit in die Mediation, deswegen ist es für die Beteiligten auch relativ schnell möglich, zu einer Einigung zu kommen.

AG: Eine weitere Frage ist, ob Du uns eine wichtige Marketingstrategie verraten könntest? Wie Du z.B. Fälle rekrutierst?

VH: Fälle kriegst Du meines Erachtens nur, wenn Du eine gute Kooperation und Vernetzung mit Kooperationspartnern aufbaust, mit den Leuten, die mit der Sache zu tun haben, d.h. mit Polizei, Staatsanwaltschaft, Richtern, Jugendgerichtshilfe, Bewährungshilfe. Ganz wichtig ist, sie auch zu sehen, also nicht nur, dass man weiß, wer das ist. Zweimal im Jahr findet bei uns ein Kooperationstreffen statt, ein Austauschtreffen derjenigen, die mit der Fallarbeit praktisch konfrontiert sind. Da werden Schwierigkeiten in der Arbeit besprochen, z.B. Schwierigkeiten in der Bearbeitung von einzelnen Fällen, aber auch, wie es weitergehen kann; und wir überlegen gemeinsam, wie der Täter-Opfer-Ausgleich vorangetrieben werden kann. Außerdem haben wir einen Beirat für den Täter-Opfer-Ausgleich, der ist eher ein politisches Gremium. Der Beirat ist regional und überregional für uns tätig, indem er für die Verbreitung des Täter-Opfer-Ausgleichs sorgt und ihn bekannt macht. Zwischendurch halten wir informelle Kontakte, wir statten immer mal wieder der Staatsanwaltschaft einen Besuch ab und reden mit allen. Wir mussten feststellen, dass es sich auf die Zuweisung der Fälle auswirkt, wenn wir den Kontakt nicht regelmäßig halten. Das ist das wichtigste überhaupt, den Kontakt zu halten und mit den Leuten über die Fälle zu reden. Wenn Fälle mal nicht klappen, dass wir hingehen und mit ihnen darüber reden, woran es lag, dass es nicht zum Ausgleich gekommen ist. Aber genau so, wenn Fälle erfolgreich abgeschlossen werden konnten, ihnen noch einmal zu verdeutlichen, weswegen dieser Fall gut gelungen ist. Unsere Arbeit wird dadurch für die anderen besser nachvollziehbar, und das wiederum aktiviert die Zusammenarbeit. Anfangs hatten wir ganz viele Fälle, die für den Täter-Opfer-Ausgleich ungeeignet waren, und es war unbedingt notwendig, miteinander zu erarbeiten, wann es klappen kann und was überhaupt geeignete Fälle sind. Diese Hürde konnte aber inzwischen überwunden werden.
Wichtig ist immer wieder auf Qualitätsstandards hinzuweisen, und darauf, was die Qualität der Arbeit ausmacht. Wir haben Qualitätskriterien für die Praxis entwickelt, die immer weiterentwickelt werden. Wir freien Träger haben damals beschlossen, danach zu arbeiten, und danach ist auch unsere Arbeit hier im Verein Konfliktschlichtung aufgebaut. Wenn unser Beirat unterstützend tätig werden möchte, braucht er Kriterien an die Hand, um woanders argumentieren zu können, da sind Qualitätsstandards sehr hilfreich.
Um mit unserer Einrichtung Konfliktschlichtung e.V. überleben zu können, geht es auch darum, die Vorteile aufzuzeigen, die die Justiz und das Land haben, wenn Sie mit uns zusammenarbeiten. Es muss dargestellt werden, dass sie dadurch Geld sparen können, dass auf Dauer Straftaten verhindert werden können, dass ein Umdenken bei den Leuten stattfindet, dass mehr Befriedung im Zusammenleben entsteht. Es sind ständig Gespräche nötig, u. a. mit Landtagsabgeordneten, Staatssekretären, Ministern, Stadträten in der Kommune und der Justiz. Die Zeit müssen wir uns schon nehmen.

AG: Würdest Du einige wichtige Impulse nennen, die Du in Deiner Entwicklung als Mediatorin bekommen hast?

VH: Ich bin seit 1990 in der Ausbildung für Mediation in Strafsachen tätig. Insgesamt sind wir 12 Teamer, die für das Servicebüro für Konfliktschlichtung in Köln arbeiten. Wir arbeiten in der Ausbildung immer zu zweit und haben regelmäßig zweimal im Jahr Teamertreffen, bzw. Fortbildungen mit Supervision. Durch diese kontinuierliche Zusammenarbeit der Gruppe mit dem Supervisor habe ich sehr viel gelernt, das ging ans Eingemachte, wir haben viele gruppendynamische Trainings gemacht, das ging manchmal über meine Grenzen, und auch über die Grenzen der anderen Teamer und Teamerinnen. Diese Erlebnisse haben dazu beigetragen, dass ich überhaupt noch hier bin und diese Arbeit mache, und dass ich weiterhin in diesem Ausbildungsbereich arbeite. Unser Supervisor, mit dem wir gearbeitet haben, hat an meiner Weiterentwicklung sehr großen Anteil; ich habe mit ihm sehr viel erlebt, gelitten, gelernt, und dadurch ganz viel Sicherheit erlangen können. Es war im Grunde diese Gruppe gewesen mit den Supervisoren, das war kein Buch. Ich habe auch Bücher gelesen, es gibt ja genug zu dem Thema: Schulz von Thun und Thoman ‚Klärungshilfe‘ und ‚Miteinander Reden‘ und ‚das innere Team‘, und ‚Konfliktmanagement’ von Glasl sind für mich wichtige Standardliteratur. Aber ansonsten war es mehr das praktische Erleben in diesen gruppendynamischen Trainings in Kombination mit Lifesupervision. Meines Erachtens kann so eine Arbeit nur gemacht werden, wenn ich bereit bin, mich mit mir selber auseinanderzusetzen. Auseinandersetzung mit sich selbst finde ich persönlich absolut wichtig, deswegen nahmen diese Aspekte immer einen wesentlichen Teil ein, wenn ich Mediationsausbildungen angeboten habe.
Außerdem habe ich in den Jahren erkannt, dass Intuition, sich auf Gefühle verlassen können und darüber hinaus methodisch sicher und flexibel zu sein, wichtige Voraussetzungen sind, um als Mediatorin arbeiten zu können. Die Erfahrung habe ich gemacht.

AG: Könntest Du nachfolgenden Mediatorinnen und Mediatoren noch einen Tip geben, damit sie gute Mediatoren werden?

VH: Sie sollen sich erstmal zurücklehnen! Allgemein würde ich sagen, wenn jemand Mediatorin werden möchte, sollte sie erst mal schauen - wirklich: sich zurücklehnen und schauen - ob das was für sie ist, dieses: Kann ich zuhören? Kann ich einfühlsam sein? Kann ich nachvollziehen, was gesagt wird? Kann ich Dinge stehen lassen, auch wenn das nicht meine Meinung ist, ohne gleich dazwischen zu gehen? Habe ich die Ruhe? Solche Fragen sollten sie sich stellen, denn so eine Haltung liegt nicht jedem. Leute, die völlig neben sich stehen und keine Empathie empfinden können, die sollten die Finger davon lassen. Und ich würde natürlich sagen, sie sollen erst mal eine Mediationsausbildung absolvieren, denn während der Ausbildung wird einem einiges klar werden.

AG: Noch eine Abschlussfrage: Was ist Dein Lieblingsfachbuch?

VH: Ich glaube, das ist ‚Konfliktmanagement‘ von Gerhard Schwarz.

AG: Vielen Dank!


Die Internetseite des Konfliktschlichtung e.V.: www.konfliktschlichtung.de
Die Internetseite des Servicebüros für Täter-Opfer-Ausgleich und Konfliktschlichtung: www.toa-servicebuero.de[B]

Joachim Simen
28.02.05, 21:28
Die wertvolle Arbeit von Veronika Hillenstedt in einem sehr schwierigen Tätigkeitsfeld verdient absoluten Respekt und Anerkennung. Schade, dass dieses Engagement durch eine unsichere Finanzierung und den damit verbundenen Mehraufwand zusätzlich erschwert wird.

Auch wenn die Veröffentlichung dieses Interviews nur ein kleiner Beitrag ist, hoffen wir, dass wir damit mehr Öffentlichkeit und zur verstärkten Wahrnehmung dieses Projekts beitragen können.

Joachim Simen
Redaktion