Redaktion
27.04.05, 14:36
Das Interview wurde von Alexia Glaveris am 25.11.04 geführt und von Dorothee Kalisch überarbeitet.
AG: Herr Breidenbach, was motiviert und was frustriert Sie an Ihrer Arbeit?
SB: Was motiviert mich an meiner Arbeit? Ich finde es unglaublich spannend, mit Komplexität umzugehen und zu versuchen, Komplexität für alle Beteiligten handhabbar zu machen, das ist das Erste.
Das Zweite, was mich fasziniert, ist die Unterschiedlichkeit der Menschen, die dabei sind. Man lernt in jeder Mediation völlig verschiedene Leute ein Stück näher kennen und erlebt dabei immer wieder, und immer wieder, Überraschungen. Das ist das Spannende.
Was mich frustriert ist, wenn die Berater von denen, um die es eigentlich geht, zu starke Abwehrhaltungen an den Tag legen.
AG: Könnten Sie eine besonders schwierige Situation in einer Mediation beschreiben und wie Sie damit umgegangen sind?
SB: Davon gibt es natürlich jede Menge. Eine Sache, die mir einfällt, was ich auch immer wieder schwierig finde, ist, wenn bestimmte Beteiligte zum 27sten Mal das Gleiche sagen, und es nicht gelingt, das aufzubrechen, wenn also die gleiche Schleife immer wieder kommt. Was ich in jüngerer Zeit gelegentlich mache: ich werde einfach sehr direktiv. Das habe ich früher nicht gemacht, aber es funktioniert ganz gut. Ich sage dann zum Beispiel – das ist jetzt vielleicht gar nicht so direktiv: „Die Aussage, dass... habe ich jetzt verstanden, ich muss das nicht nochmal hören.“ Das ist eine der Geschichten, die für mich schwierig ist.
Eine andere schwierige Situation war für mich mal, als zwischen den Beteiligten ganz plötzlich ein Betrugsvorwurf im Raum stand, der offensichtlich insbesondere eine Seite sehr hart getroffen hattraf. Ich habe Luft geholt und nichts dazu gesagt, die haben das mit Blicken untereinander geregelt und der Vorwurf war weg. Ich habe blitzschnell überlegen müssen, ob ich es thematisiere oder nicht, und dachte mir „Wartest Du noch einen Moment, vielleicht kommt noch was,“ und dann kamen schon die Entschuldigungen über den Tisch.
AG: Das ist spannend, weil einerseits sagen Sie ‚direktiv‘ und andererseits ist das auch ein ‚Raum geben‘ oder ‚Zeit lassen‘.
SB: Deshalb mag ich Mediation, weil Sie so vielfältig ist. Weil es immer meine Verantwortung ist, was ich dann tue.
AG: Haben Sie unorthodoxe Seiten? Seiten, die für das Verfahren nicht unbedingt typisch sind?
SB: Unorthodox ist bei mir, wie eine Kollegin sagte, wenn mich das Teufelchen reitet. Das heißt, ich mache gerne Loops, die ironisieren, ohne dabei verletzen zu wollen, einfach nur um die Atmosphäre ein bißchen netter zu machen. Das ist eine Eigenheit von mir, ich mache gerne Dinge plastisch durch Übertreibung, und diese Übertreibungen ziehen dann manches - nicht ins Lächerliche, aber eben so weit, dass die Beteiligten das ganz komisch finden. Mit dem feinen Unterschied, dass ich das nicht mache, um den zu verletzen, um den es gerade geht, sondern einfach wirklich nur um atmosphärisch zu entkrampfen. Das funktioniert ganz gut. Das ist das Teufelchen, das mich dann reitet.
AG: Das ist fast schon eine Überleitung zur nächsten Frage: Könnten Sie zwei konkrete Instrumente aus Ihrem Werkzeugkoffer beschreiben?
SB: Loopen und loopen.
AG: Das ist für Sie das A und O?
SB: Klar! Mediation geht um Verstehen, und wenn ich verstehen will, muss ich erst mal sicherstellen, dass ich verstehe. Es gibt sehr subtile und wichtige Techniken, aber Looping ist das Herz. Wenn man mir das wegnimmt, weiß ich nicht, was ich machen würde.
Wollen Sie auch wissen, was ich nicht verwende? Die Frage „Wie fühlen Sie sich jetzt?“ Mediation ist aus meiner Sicht ein sehr kostbares und professionelles Instrument, da haben alle Dinge Platz, die sich im Raum tun, aber ich muss nicht zusätzlich noch die Leute fragen, wie sie sich fühlen, damit sie sich wie im Heimseminar der evangelischen Kirche fühlen. Sondern sie sollen wissen, dass sie in einem Verfahren sind, und dass dieses Verfahren auch kein Kindergeburtstag ist. Die Frage „Wie fühlen Sie sich jetzt“ ist diese typische Überleitung, womit – ich habe das gelegentlich so erlebt - womit manche Mediatoren versuchen, von den Leuten zu hören „Mir geht es jetzt ganz schlecht, weil...“ und ich höre von den Leuten schon, wenn es ihnen schlecht geht. Es ist wichtig, dass man thematisieren kann, wenn es ihnen schlecht geht, aber ich muss sie nicht fragen, wie sie sich fühlen. Also diese Standardnummer, das meine ich.
AG: Ich habe Sie als Repräsentanten für den Bereich ‚Mediation zwischen Unternehmen‘ ausgesucht. Gibt es in dem Bereich spezielle Eigenarten und Gesetzmäßigkeiten? Wo sehen Sie Unterschiede zu anderen Mediationsfeldern?
SB: Wenn Sie zwischen Unternehmen mediieren, haben Sie natürlich immer die Repräsentanten. Die gute Lehre will ja, dass man mit entscheidungsbefugten Menschen am Tisch sitzt, das können Sie ab bestimmten Streitigkeiten vergessen, weil da immer der Gremienvorbehalt mit im Raum sitzt. Die dürfen nicht entscheiden. Die sind vielleicht Topmanager, vielleicht Vorstandsvorsitzende, aber ab einer bestimmten Größenordnung müssen sie den Aufsichtsrat fragen. Das ist eine Besonderheit: Sie leben mit dem Gremienvorbehalt.
Das Zweite ist, Sie werden praktisch nie eine Mediation erleben, die nicht von den Anwälten begleitet wird. Das ist sicherlich ein Unterschied zu anderen Mediationsfeldern, auch ein Unterschied zur Mediation in Unternehmen.
Das Dritte ist, die Emotionen der Beteiligten sind sicher ein sehr hilfreicher Schlüssel, um an die Dinge, die wichtig sind, ranzukommen; aber es gilt in Managementkreisen nicht unbedingt als professionell, diese vor sich herzutragen, mit anderen Worten: das Visier herunter zu lassen. Das ist gelegentlich problematisch.
AG: Das macht es schwieriger als beispielsweise im innerbetrieblichen Bereich?
SB: Ich denke, dass man dort schneller an den Kern rankommt. Aber ich habe wenig Erfahrung in anderen Bereichen, ich habe nie Familienmediation gemacht, nur eine Ausbildung und wenige Sachen, wo ich zwischen Leuten, die zufällig Paare waren, mediiert habe.
AG: Können Sie uns eine erfolgreiche Marketingstrategie verraten?
SB: Tu Gutes und rede darüber.
AG: Wo?
SB: Überall. Zum Beispiel im Taxi: Ich bin vor einiger Zeit in Neapel im Taxi zum Flughafen gefahren; ein junges Pärchen aus Neuseeland, das in London lebte, hat sich das Taxi mit mir geteilt. Dann kommt die typische Frage: „Was machst Du denn?“ „Ich arbeite an der Uni und bin Mediator.“ „What’s that?“ Ich habe denen in vier Sätzen erzählt, was Mediation ist, und das, was ich da gesagt habe, habe ich in dieser komischen Situation im Taxi in Neapel auf dem Weg zum Flughafen offen-sichtlich so auf den Punkt gebracht, dass sie sofort begriffen haben, was Sache ist, das merkt man an der Reaktion. Und das, was ich da gesagt habe, ist in die Art und Weise eingeflossen, wie ich jetzt darüber spreche, da ist eine ganze Menge draus entstanden. Nicht dass ich jetzt Mediation mit neuseeländischen Computerspezialisten in London mache, aber die Situation, darüber zu sprechen und es auf den Punkt zu bringen, hat mir geholfen, es bei den nächsten Situationen viel besser auf den Punkt zu bringen.
AG: Das war wie eine Selbstklärung für Sie?
SB: Ja, es hat mein Angebot klarer gemacht, klarer im Sinne von ‚klarer rüber bringen‘; zufälligerweise in dieser Situation. Wenn man gefragt wird, was man macht, ist das eine schöne Gelegenheit, zu sagen, was Mediation ist. Und je präziser man es sagt, um so mehr zieht es Kreise.
AG: Wo haben Sie einen richtig guten Impuls für Ihre Mediationspraxis bekommen?
SB: Ich habe von den Teilnehmern meiner Workshops unglaublich viel gelernt. Von den Reaktionen, die natürlich denen von Menschen entsprechen, die zum ersten Mal in eine Mediation kommen.
Und klar, ich habe von meinen Lehrern sehr viel gelernt. Das sind Hans-Georg und Gisela Mähler und Gary Friedman und Jack Himmelstein. Von allen Vieren habe ich sehr viel gelernt, und ohne die Vier würde ich nicht das machen, was ich heute mache.
AG: Wenn Sie an nachfolgende Mediatoren und Mediatorinnen denken, hätten Sie ein oder zwei Tipps, die Sie ihnen mit auf den Weg geben würden?
SB: Ein Tipp wäre, sich nicht unter Erfolgsdruck zu setzen, weil man gar nicht alles richtig machen kann. Und weil man über das, was man nicht richtig macht, so schnell zurückgemeldet kriegt, dass man gut einen anderen Umgang damit finden kann. Das mit dem Erfolgsdruck ist, glaube ich, das wichtigste, weil viele sich so unter Druck setzen, dass es ihnen die Sprache verschlägt, wenn sie anfangen.
Der zweite Tipp wäre: Anfangen! Egal welche Situation, das müssen keine richtigen Mediationen sein, sondern können auch Situationen sein, wo man in einem Teammeeting ist und versucht, das beste draus zu machen, indem man ganz sanft die Sache an sich zieht.
AG: Haben Sie am Anfang auch so einen Erfolgsdruck gehabt?
SB: Ganz am Anfang, klar. Bis ich mit jemandem mal diesen Tipp reflektiert habe, der hat mir das ganz plastisch auseinandergesetzt, da dachte ich: „Eigentlich stimmt das.“ Es ist sicherlich ein Punkt, sich hinzusetzen und zu fragen: „Was ist für mich eigentlich Erfolg der Mediation?“ Diese Selbstklärungsfrage; das ist ja keine selbstverständliche Frage. Ich habe das früher mal in meinem Buch ver-sucht, indem ich vier Gruppen eingeteilt habe: die ‚Individual Autonomy Mediators‘, ‚Service Delivery Mediators‘, ‚Social Transformation Mediators‘ und ‚Reconciliation Mediators‘, die natürlich in Mischformen auftreten, nicht in Reinform. Das ist eine sehr schöne Übung, um zu klären, was für einen selbst Erfolg ist. Wenn ich das geklärt habe, entfällt meistens ein Teil des Drucks, weil ich dann sehe, dass es nicht unbedingt nur um die Unterschrift am Ende der Mediation geht, sondern dass ich auch andere Anteile habe. Dann kann man das anschauen und kann damit entspannter umgehen.
AG: Was ist Ihr liebstes Fachbuch?
SB: Ein Text von Gary Friedman, ich weiß jetzt nicht, aus welchem Buch. Der Text heißt im Englischen ‚Sitting in the middle‘.
Breidenbach@euv-ffo.de
AG: Herr Breidenbach, was motiviert und was frustriert Sie an Ihrer Arbeit?
SB: Was motiviert mich an meiner Arbeit? Ich finde es unglaublich spannend, mit Komplexität umzugehen und zu versuchen, Komplexität für alle Beteiligten handhabbar zu machen, das ist das Erste.
Das Zweite, was mich fasziniert, ist die Unterschiedlichkeit der Menschen, die dabei sind. Man lernt in jeder Mediation völlig verschiedene Leute ein Stück näher kennen und erlebt dabei immer wieder, und immer wieder, Überraschungen. Das ist das Spannende.
Was mich frustriert ist, wenn die Berater von denen, um die es eigentlich geht, zu starke Abwehrhaltungen an den Tag legen.
AG: Könnten Sie eine besonders schwierige Situation in einer Mediation beschreiben und wie Sie damit umgegangen sind?
SB: Davon gibt es natürlich jede Menge. Eine Sache, die mir einfällt, was ich auch immer wieder schwierig finde, ist, wenn bestimmte Beteiligte zum 27sten Mal das Gleiche sagen, und es nicht gelingt, das aufzubrechen, wenn also die gleiche Schleife immer wieder kommt. Was ich in jüngerer Zeit gelegentlich mache: ich werde einfach sehr direktiv. Das habe ich früher nicht gemacht, aber es funktioniert ganz gut. Ich sage dann zum Beispiel – das ist jetzt vielleicht gar nicht so direktiv: „Die Aussage, dass... habe ich jetzt verstanden, ich muss das nicht nochmal hören.“ Das ist eine der Geschichten, die für mich schwierig ist.
Eine andere schwierige Situation war für mich mal, als zwischen den Beteiligten ganz plötzlich ein Betrugsvorwurf im Raum stand, der offensichtlich insbesondere eine Seite sehr hart getroffen hattraf. Ich habe Luft geholt und nichts dazu gesagt, die haben das mit Blicken untereinander geregelt und der Vorwurf war weg. Ich habe blitzschnell überlegen müssen, ob ich es thematisiere oder nicht, und dachte mir „Wartest Du noch einen Moment, vielleicht kommt noch was,“ und dann kamen schon die Entschuldigungen über den Tisch.
AG: Das ist spannend, weil einerseits sagen Sie ‚direktiv‘ und andererseits ist das auch ein ‚Raum geben‘ oder ‚Zeit lassen‘.
SB: Deshalb mag ich Mediation, weil Sie so vielfältig ist. Weil es immer meine Verantwortung ist, was ich dann tue.
AG: Haben Sie unorthodoxe Seiten? Seiten, die für das Verfahren nicht unbedingt typisch sind?
SB: Unorthodox ist bei mir, wie eine Kollegin sagte, wenn mich das Teufelchen reitet. Das heißt, ich mache gerne Loops, die ironisieren, ohne dabei verletzen zu wollen, einfach nur um die Atmosphäre ein bißchen netter zu machen. Das ist eine Eigenheit von mir, ich mache gerne Dinge plastisch durch Übertreibung, und diese Übertreibungen ziehen dann manches - nicht ins Lächerliche, aber eben so weit, dass die Beteiligten das ganz komisch finden. Mit dem feinen Unterschied, dass ich das nicht mache, um den zu verletzen, um den es gerade geht, sondern einfach wirklich nur um atmosphärisch zu entkrampfen. Das funktioniert ganz gut. Das ist das Teufelchen, das mich dann reitet.
AG: Das ist fast schon eine Überleitung zur nächsten Frage: Könnten Sie zwei konkrete Instrumente aus Ihrem Werkzeugkoffer beschreiben?
SB: Loopen und loopen.
AG: Das ist für Sie das A und O?
SB: Klar! Mediation geht um Verstehen, und wenn ich verstehen will, muss ich erst mal sicherstellen, dass ich verstehe. Es gibt sehr subtile und wichtige Techniken, aber Looping ist das Herz. Wenn man mir das wegnimmt, weiß ich nicht, was ich machen würde.
Wollen Sie auch wissen, was ich nicht verwende? Die Frage „Wie fühlen Sie sich jetzt?“ Mediation ist aus meiner Sicht ein sehr kostbares und professionelles Instrument, da haben alle Dinge Platz, die sich im Raum tun, aber ich muss nicht zusätzlich noch die Leute fragen, wie sie sich fühlen, damit sie sich wie im Heimseminar der evangelischen Kirche fühlen. Sondern sie sollen wissen, dass sie in einem Verfahren sind, und dass dieses Verfahren auch kein Kindergeburtstag ist. Die Frage „Wie fühlen Sie sich jetzt“ ist diese typische Überleitung, womit – ich habe das gelegentlich so erlebt - womit manche Mediatoren versuchen, von den Leuten zu hören „Mir geht es jetzt ganz schlecht, weil...“ und ich höre von den Leuten schon, wenn es ihnen schlecht geht. Es ist wichtig, dass man thematisieren kann, wenn es ihnen schlecht geht, aber ich muss sie nicht fragen, wie sie sich fühlen. Also diese Standardnummer, das meine ich.
AG: Ich habe Sie als Repräsentanten für den Bereich ‚Mediation zwischen Unternehmen‘ ausgesucht. Gibt es in dem Bereich spezielle Eigenarten und Gesetzmäßigkeiten? Wo sehen Sie Unterschiede zu anderen Mediationsfeldern?
SB: Wenn Sie zwischen Unternehmen mediieren, haben Sie natürlich immer die Repräsentanten. Die gute Lehre will ja, dass man mit entscheidungsbefugten Menschen am Tisch sitzt, das können Sie ab bestimmten Streitigkeiten vergessen, weil da immer der Gremienvorbehalt mit im Raum sitzt. Die dürfen nicht entscheiden. Die sind vielleicht Topmanager, vielleicht Vorstandsvorsitzende, aber ab einer bestimmten Größenordnung müssen sie den Aufsichtsrat fragen. Das ist eine Besonderheit: Sie leben mit dem Gremienvorbehalt.
Das Zweite ist, Sie werden praktisch nie eine Mediation erleben, die nicht von den Anwälten begleitet wird. Das ist sicherlich ein Unterschied zu anderen Mediationsfeldern, auch ein Unterschied zur Mediation in Unternehmen.
Das Dritte ist, die Emotionen der Beteiligten sind sicher ein sehr hilfreicher Schlüssel, um an die Dinge, die wichtig sind, ranzukommen; aber es gilt in Managementkreisen nicht unbedingt als professionell, diese vor sich herzutragen, mit anderen Worten: das Visier herunter zu lassen. Das ist gelegentlich problematisch.
AG: Das macht es schwieriger als beispielsweise im innerbetrieblichen Bereich?
SB: Ich denke, dass man dort schneller an den Kern rankommt. Aber ich habe wenig Erfahrung in anderen Bereichen, ich habe nie Familienmediation gemacht, nur eine Ausbildung und wenige Sachen, wo ich zwischen Leuten, die zufällig Paare waren, mediiert habe.
AG: Können Sie uns eine erfolgreiche Marketingstrategie verraten?
SB: Tu Gutes und rede darüber.
AG: Wo?
SB: Überall. Zum Beispiel im Taxi: Ich bin vor einiger Zeit in Neapel im Taxi zum Flughafen gefahren; ein junges Pärchen aus Neuseeland, das in London lebte, hat sich das Taxi mit mir geteilt. Dann kommt die typische Frage: „Was machst Du denn?“ „Ich arbeite an der Uni und bin Mediator.“ „What’s that?“ Ich habe denen in vier Sätzen erzählt, was Mediation ist, und das, was ich da gesagt habe, habe ich in dieser komischen Situation im Taxi in Neapel auf dem Weg zum Flughafen offen-sichtlich so auf den Punkt gebracht, dass sie sofort begriffen haben, was Sache ist, das merkt man an der Reaktion. Und das, was ich da gesagt habe, ist in die Art und Weise eingeflossen, wie ich jetzt darüber spreche, da ist eine ganze Menge draus entstanden. Nicht dass ich jetzt Mediation mit neuseeländischen Computerspezialisten in London mache, aber die Situation, darüber zu sprechen und es auf den Punkt zu bringen, hat mir geholfen, es bei den nächsten Situationen viel besser auf den Punkt zu bringen.
AG: Das war wie eine Selbstklärung für Sie?
SB: Ja, es hat mein Angebot klarer gemacht, klarer im Sinne von ‚klarer rüber bringen‘; zufälligerweise in dieser Situation. Wenn man gefragt wird, was man macht, ist das eine schöne Gelegenheit, zu sagen, was Mediation ist. Und je präziser man es sagt, um so mehr zieht es Kreise.
AG: Wo haben Sie einen richtig guten Impuls für Ihre Mediationspraxis bekommen?
SB: Ich habe von den Teilnehmern meiner Workshops unglaublich viel gelernt. Von den Reaktionen, die natürlich denen von Menschen entsprechen, die zum ersten Mal in eine Mediation kommen.
Und klar, ich habe von meinen Lehrern sehr viel gelernt. Das sind Hans-Georg und Gisela Mähler und Gary Friedman und Jack Himmelstein. Von allen Vieren habe ich sehr viel gelernt, und ohne die Vier würde ich nicht das machen, was ich heute mache.
AG: Wenn Sie an nachfolgende Mediatoren und Mediatorinnen denken, hätten Sie ein oder zwei Tipps, die Sie ihnen mit auf den Weg geben würden?
SB: Ein Tipp wäre, sich nicht unter Erfolgsdruck zu setzen, weil man gar nicht alles richtig machen kann. Und weil man über das, was man nicht richtig macht, so schnell zurückgemeldet kriegt, dass man gut einen anderen Umgang damit finden kann. Das mit dem Erfolgsdruck ist, glaube ich, das wichtigste, weil viele sich so unter Druck setzen, dass es ihnen die Sprache verschlägt, wenn sie anfangen.
Der zweite Tipp wäre: Anfangen! Egal welche Situation, das müssen keine richtigen Mediationen sein, sondern können auch Situationen sein, wo man in einem Teammeeting ist und versucht, das beste draus zu machen, indem man ganz sanft die Sache an sich zieht.
AG: Haben Sie am Anfang auch so einen Erfolgsdruck gehabt?
SB: Ganz am Anfang, klar. Bis ich mit jemandem mal diesen Tipp reflektiert habe, der hat mir das ganz plastisch auseinandergesetzt, da dachte ich: „Eigentlich stimmt das.“ Es ist sicherlich ein Punkt, sich hinzusetzen und zu fragen: „Was ist für mich eigentlich Erfolg der Mediation?“ Diese Selbstklärungsfrage; das ist ja keine selbstverständliche Frage. Ich habe das früher mal in meinem Buch ver-sucht, indem ich vier Gruppen eingeteilt habe: die ‚Individual Autonomy Mediators‘, ‚Service Delivery Mediators‘, ‚Social Transformation Mediators‘ und ‚Reconciliation Mediators‘, die natürlich in Mischformen auftreten, nicht in Reinform. Das ist eine sehr schöne Übung, um zu klären, was für einen selbst Erfolg ist. Wenn ich das geklärt habe, entfällt meistens ein Teil des Drucks, weil ich dann sehe, dass es nicht unbedingt nur um die Unterschrift am Ende der Mediation geht, sondern dass ich auch andere Anteile habe. Dann kann man das anschauen und kann damit entspannter umgehen.
AG: Was ist Ihr liebstes Fachbuch?
SB: Ein Text von Gary Friedman, ich weiß jetzt nicht, aus welchem Buch. Der Text heißt im Englischen ‚Sitting in the middle‘.
Breidenbach@euv-ffo.de