Redaktion
21.08.05, 18:35
Interview mit Dr. Joseph Rieforth, Oldenburg
Das Interview wurde am Mittwoch, den 18. Mai 2005, von Sabine Schüren geführt.
SS: Was motiviert und was frustriert Sie an Ihrer Arbeit als Mediator?
JR: Mich motiviert die Unterschiedlichkeit meiner Arbeitsfelder und die große Möglichkeit, viele verschiedene Dinge auszuprobieren. Jeder Arbeitstag in diesem Feld ist anders als der vorherige.
Was ich dabei immer mal wieder frustrierend finde, ist die Tatsache, dass Personen, die im Rahmen von Organisationsentwicklungsverfahren zu einer Mediation kommen, oft motiviert sind, es gleichzeitig aber auch eine ganze Reihe von Personen gibt, die dahinterstehen - also Kolleginnen und Kollegen, die man nicht einbeziehen kann - aus welchen Gründen auch immer, z.B. weil es sich um Verwaltungseinheiten in einer Organisation handelt. Dies führt dann oft dazu, dass die Erfahrungen und Entwicklungen, die man im Prozess der Mediation gemacht hat, nicht umgesetzt werden.
SS: Das heißt Einflüsse von außen, die Sie als Mediator nicht steuern können?
JR: Genau. Das große Ganze scheint man mit der Mediation nur langsam bewegen zu können – da bin ich manchmal ungeduldig. Man muss damit umgehen in einem kleinen Setting mit beispielsweise wenigen Leuten Super-Erfahrungen zu machen und gleichzeitig hört man, dass in der großen Politik die Situationen so problematisch geworden sind, so dass man sich fragt “Was bedeutet diese Arbeit im Allgemeinen?“
SS: Gab es mal eine besonders schwierige Situation in der Mediation?
Wenn ja: Wie haben Sie reagiert, was haben Sie gemacht?
JR: Es gab schon eine Reihe besonderer, herausfordernder Situationen. Das macht das Ganze ja auch spannend. Ich erinnere mich an eine Familienmediation, mit einem bi-kulturellen Paar. Der Mann hatte eine Führungsposition in einem Unternehmen und die Frau arbeitete in einem anderen Unternehmen auf Verwaltungsebene. Innerhalb der Mediation war das Kräfteverhältnis genau umgekehrt. Die Frau war Deutsche, der Mann war Osteuropäer, und die Frau war diejenige, die in der Mediation ohne Punkt und Komma reden konnte. Ich glaube, es war die dritte Sitzung und nach ca. drei bis vier Minuten, in denen die Frau ihre Situation noch mal deutlich gemacht hatte - wie gesagt, ohne Atem holen zu müssen - stand der Mann auf und sagte “Herr Rieforth, es geht nicht gegen Sie, aber ich kann meine Frau einfach nicht mehr hören“ und ging.
In diesem Moment dachte ich mir “Das steht in keinem Lehrbuch, das hab ich in keiner Fortbildung gelernt - was mach ich jetzt?“ Ich bin auch aufgestanden, um in einen anderen Energiezustand zu kommen und habe mich von dem Mann verabschiedet, bin zurück an meinen Platz und für mich war innerhalb der kurzen Zeit klar “Ich darf jetzt nicht mit der Frau allein weiterarbeiten“. Ich wollte für eine evtl. spätere Zusammenarbeit meine Allparteilichkeit nicht gefährden. Dies habe ich wohl nonverbal ganz klar dokumentiert, so dass die Frau nach einem kurzen Moment des Schweigens ebenfalls aufgestanden ist und ich die Sitzung beendet habe.
SS: Und wie ging es weiter?
JR: Das Paar hatte sich nicht wieder gemeldet. Ich habe die Frau aber in einem anderen Zusammenhang nach ungefähr einem Jahr wiedergesehen. Sie kam auf mich zu und sagte “Herr Rieforth, ich wollte Ihnen sagen, es ist gut weitergegangen. Wir haben die anderen Dinge so gut klären können. Das, was in der Mediation gelaufen ist, war ganz wichtig, und die restlichen Dinge konnten wir dann alleine klären.“
SS: Das heißt, diese Mediationssitzungen hatten schon eine klärende Funktion?
JR: Es ging bei unseren Sitzungen vor allem um das Thema “Wie zieht der Mann aus dem gemeinsamen Haus aus?“. Sie hatten zwei gemeinsame Kinder im Grundschulalter und die Art des Auszugs war überhaupt nicht klar. Vor allem aus der Kultur des Mannes gab es überhaupt keine Idee, wie man damit umgehen kann. Das konnte in der Mediation bearbeitet werden, die anderen Dinge konnten sie dann selbst regeln.
Dieses Beispiel hat mir gezeigt, wie relativ die Bezeichnung von Erfolg oder Misserfolg in der Mediation ist.
SS: Kommen wir jetzt zum schönsten Erlebnis, das Sie in der Mediation erlebt haben.
JR: Das schönste Erlebnis war im Rahmen eines Fusionsprozesses von zwei Teams. Zwei Teams einer Organisation an unterschiedlichen Standorten hatten vom Vorstand die Auflage bekommen, zu fusionieren. Der Vorstand hatte mit der Aktion, einen Mitarbeiter des einen Teams zum Leiter des Gesamtteams zu machen, ohne dies mit den Beteiligten abgesprochen zu haben, einen großen Konflikt ausgelöst. Auch der Mitarbeiter fühlte sich nicht wohl mit dieser Situation, kam aber irgendwie nicht raus aus seiner Haut. Im Rahmen von mehreren halbtägigen Mediationssitzungen waren die beiden Teams innerhalb eines halben Jahres in der Lage, nicht nur miteinander zu sprechen, sondern auch zunächst zögerlich zu überlegen, was sie für das nächste Jahr projektierten. Das Team hatte dann im Mediationsprozess die Idee, einen gemeinsamen Teamtag auf der Insel durchzuführen... Ich bin hier im Nordwesten der Republik (Oldenburg, Anm. d. Red.) Ich hatte ihnen angeboten dazuzukommen, sie aber auch bestärkt es alleine zu probieren. Wir haben die Gestaltung und die Struktur im Mediationsprozess vorbesprochen und sie haben den Teamtag alleine gut hinbekommen. Nach einem halben Jahr haben wir ein Nachgespräch gemacht, an dem deutlich wurde, dass das Team in einen guten Prozess gekommen war. Dies war ein schönes Zeichen für mich, den Ansatz der Mediation in Organisationen als eine gute Möglichkeit zu sehen, mit den vielfältigen konflikthaften Veränderungen umzugehen und die eigenen Ressourcen der Beteiligten zu stärken (Empowerment!)
SS: Welcher Aspekt im Laufe eines Mediationsverfahrens macht Ihnen denn am meisten Spaß?
JR: Was mir viel Freude macht, ist das Finden von Lösungen/ Lösungsoptionen, nachdem man durch die Problembearbeitung gegangen ist. Aber was mir vor allem Spaß macht, ist immer wieder durch eine gute Fragetechnik und eine gute innere Haltung, die Ressourcen und Potentiale der Beteiligten - die ja in so einem Konfliktfall total verschüttet sind - langsam “frei zu buddeln“ und sich entfalten lassen. Das empfinde ich manchmal als richtiges Geschenk.
SS: Wie hat die Mediation Sie und Ihre Art zu leben verändert... bzw. hat sie Sie überhaupt verändert?
JR: Es hat auf jeden Fall mein Leben verändert. In meiner Ausbildung als Psychologischer Psychotherapeut beschäftige ich mich nicht nur mit Mediation, sondern auch mit therapeutischen- und langfristigen Beratungsprozessen in Organisationen.
Insgesamt hat die Arbeit mit Menschen und deren unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen, mir immer wieder klar gemacht, dass jeder von sich aus seine eigene Wirklichkeit erzeugt, und dass es gerade im Konfliktfall darum geht, diese unterschiedlichen Bilder auf der inneren Landkarte des einzelnen zu erfassen und für alle Beteiligten transparent zu machen. Das hat mich natürlich auch in meiner Person und in meinen sozialen Beziehungen verändert. Was konkret das Thema Mediation angeht... Ich als engagierter Familienvater - ich habe drei jetzt schon teilweise erwachsene Kinder, mein Sohn ist 22 und meine Töchter sind 19 und 15 Jahre alt - erlebe oft Momente, in denen ich sage “Toll, da hab viel durch die Mediation gelernt!“ , z.B. um mit innerfamiliären Konflikten umzugehen... In diesen Situationen nicht zu schnell Rat zu geben, sondern zu schauen, wie die Beteiligten die Situation gemeinsam klären können“.
SS: Wahrscheinlich ist es auch schön, den Unterschied zu sehen, wenn man mediatives Vorgehen wirklich persönlich integriert hat, oder?
JR: Ja, ich glaube, ich würde Mediation gar nicht mehr machen, wenn ich nicht auch den persönlichen Profit erleben würde. Im Rahmen meiner Leitungstätigkeit an der Universität kommt mir das auch sehr zugute, denn gerade wenn es im Arbeitszusammenhang unterschiedliche Sichtweisen gibt, war ich früher mehr dazu geneigt, zu schnell mich selbst und eigene Ideen für die Konfliktlösung einzubringen. Da bin ich mittlerweile viel zurückhaltender und erlebe - was ich auch in den Seminaren weitergebe - dass es sinnvoll ist, sich zunächst Zeit für die unterschiedlichen Sichtweisen zu nehmen. Früher habe ich mehr mit den Einzelnen gesprochen.
SS: Gibt es eine Person, die für Sie ein Vorbild in der Mediation war?
JR: Eine Person gibt es für mich nicht. Ich hab auf meinem Weg von der Vielfalt unterschiedlicher Personen profitiert und ich könnte jetzt einige nennen. Mir liegt aber eher daran zu sagen, dass mein Profit nicht dadurch gekommen ist, dass ich einer Schule angehöre, sondern mich immer wieder auf unterschiedlichen Fortbildungen/Tagungen/Kongressen inhaltlich auseinandersetze und von Kolleginnen und Kollegen lerne. Da nutze ich natürlich auch die Möglichkeiten aus dem Bereich der Therapie und der Organisationsentwicklung.
Ich habe den Eindruck, dass mir dieses langsame Sammeln der Unterschiedlichkeiten am meisten gegeben und mich professionalisiert hat.
SS: Beschreiben Sie mal zwei Instrumente aus Ihrem Werkzeugkoffer?
JR: Als systemischer Berater und Therapeut profitiere ich vor allem vom „Systemischen Fragen“. Ein Großteil des Erfolges in der Mediation kommt m.E. durch gutes Fragen, im Sinne der Idee “Wer fragt, führt“ ... den Prozess und gibt Anstösse für die Bearbeitung von Inhalten. Ziel ist es stets, in einer wertschätzenden Haltung Fragen zu stellen, die hinreichend ‚verstören‘, um die Personen in der Konfliktsituation durch diese Fragen zum Nachdenken zu bringen. Fragen können kreativ eingesetzt werden, indem man z.B. hypothetisch fragt, Zukunftsfragen oder die sogenannten Verschlimmerungsfragen stellt, um die eigenen Handlungsmöglichkeiten neu auszuloten. Das finde ich sehr wichtig.
Ein zweites Werkzeug ist das Neun-Felder-Modell, das ich mit meinem Kollegen Bernd Kuhlmann entwickelt habe (ZKM, 2,2004). Es beinhaltet die unterschiedlichen Bereiche: Problem/Konflikt - Ressource und Ziel/Lösung und erfasst diese in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieses Modell ermöglicht es im Mediationsprozess genau festzustellen, wo sich der Konfliktpartner momentan befindet und wie durch unterschiedliche Techniken des Mediators darauf Einfluss genommen werden kann. Durch eine konsequente Nutzung dieses Modells kann der Prozess in der Mediation gestaltet und gleichzeitig transparent gemacht werden. Es fokussiert auf die Rolle des Mediators und die darin liegenden Möglichkeiten die Medianten in einem positiven Sinne zu “verführen“ sich mit Zielideen und Lösungsgedanken zu beschäftigen oder auch den Konflikt so zu betrachten, dass Konflikte keine statischen Größen sind, sondern sich immer wieder verändern und daher Chancen zur Entwicklung darstellen.
SS: Wir haben Sie als Repräsentanten für den Bereich der Erbschaftsmediation ausgesucht. Gibt es für diesen Bereich spezielle Eigenarten oder Besonderheiten im Unterschied zu anderen Mediationsfeldern?
JR: Ja, was ich ganz interessant finde, ist der Bereich der Erbschaft im Sinne von Familiennachfolge, also wo die Systeme `Unternehmen` und `Familie` zusammen kommen. Das finde ich aus systemischer Sicht sehr spannend, weil es sich um zwei sehr unterschiedliche Systeme handelt. Ein Familiensystem zeichnet sich zunächst einmal dadurch aus, dass man hineingeboren wird. Man kann sich nicht überlegen, ob man dazugehören will oder nicht. Man ist Sohn oder Tochter eines Vaters/ einer Mutter - und das bleibt man auch, egal wie man sich weiter entwickelt. In einem Firmen-System kann ich mir überlegen, ob ich dort hin will und habe immer die Möglichkeit – zumindest theoretisch - zu kündigen. Wenn diese Systeme zusammen kommen, wie z.B. in einer Nachfolgemediation, wenn also ein Familienunternehmen vererbt wird, dann bietet das unglaubliche Chancen im Rahmen der Mediation, weil viele dieser Dynamiken, in einem normalen, logischen oder auch juristischen Verfahren gar nicht erfasst werden können.
Hier geht es dann um die Schnittstelle zwischen dem, was die Mitglieder aus der Rolle des Familienmitglieds und aus der Rolle des Mitglieds der Organisationsstruktur brauchen. Dies zusammenzubekommen ist manchmal wie die Quadratur des Kreises.
SS: Das heißt, dieser Bereich ist fordernder als andere Bereiche?
JR: Genau, es erfordert teilweise noch kreativere oder unkonventionellere Lösungen, und das empfinde ich grad als sehr spannend im Rahmen der Mediation.
SS: Wie sind Sie gerade zu dem Bereich der Erbschaftsmediation gekommen?
JR: Es gibt mehrere Gründe. Zum einen komme ich aus dem klinischen Bereich und das Thema Familientherapie und die Entwicklung von Individuen im familialen System ist mir sehr nah – da ich seit ca. 20 Jahren Berater und Therapeuten in diesem Feld ausbilde.
Ich bin gleichzeitig auch Berater und Supervisor für Organisationen und da bietet es sich natürlich an, die Felder zu verbinden. Dazu kommt auch eine persönliche Vergangenheit. Mein Vater war in vierter Generation Schreinermeister eines Familienbetriebs, den er gemeinsam mit seinem älteren Bruder nach dem Tod meines Großvaters geführt hat. Nach einigen Jahren musste aufgrund der wirtschaftlichen Veränderung eine Entscheidung gefunden werden, wer von den beiden Brüdern den Betrieb weiterführt. Da mein Vater der jüngere war, verließ er den Betrieb, was in unserer Familie zu intensiven Veränderungen führte und meinen Vater vor der Herausforderung stellte, mit gut 40 Jahren noch mal einen neuen Beruf zu erlernen.
SS: Geben Sie uns denn auch noch eine erfolgreiche Marketingstrategie?
JR: Ich glaube, die erfolgreichste ist, selber Freude an dieser Tätigkeit zu haben und darüber eine innere Haltung aufzubauen. Wenn ich das innerlich für mich entwickele, dann bin ich sicher, dass mir über kurz oder lang die Aufträge nur - na zufliegen will ich nicht sagen - aber anlächeln.
SS: Das ist ja eine schöne Prognose!
Und warum glauben Sie ist die Hemmschwelle, Mediation zur Lösung von Konflikten zu nutzen, noch so groß?
JR: Ich glaube, das hat mit unserer Kultur zu tun. Es gibt immer noch so viele Verstärkersysteme bei uns, dass die Aussage “Ich habe keine Konflikte“ dazu führt, von anderen mit einem “WOW, ist der toll“ angeschaut zu werden. Die Verstärkung geht dahin, besser keine Konflikte zu haben, als zu sagen “Ich habe Konflikte, aber die gehe ich an“. Diese Idee, dass man einen Coach nimmt, um seine Probleme zu lösen, genauso wie man in einer Fußballmannschaft sagt “Wir haben Felix Magath und das ist der beste Trainer, gerade deshalb sind wir mit Bayern München wieder Deutscher Meister geworden“, das gibt es im Arbeitsbereich selten. Dem haftet immer noch die Idee von “Der hat es nicht alleine geschafft“ an.
Ich habe vor einigen Jahren in einer Klinik Supervision für Ärzte gegeben. Die Ärzte fanden das toll, kamen aber irgendwann nicht mehr. Auf meine Frage nach den Gründen, wurde das Gerücht genannt, dass diejenigen, die nicht in die Supervision gingen - aufgrund von Vorbehalten oder Ängsten – sagten:
In die Supervision gehen nur die, die Probleme haben“ und aufgrund dieser Bedeutungsgebung kamen dann auch die anderen nicht mehr, da keiner sich nachsagen lassen wollte, er schaffe es nicht allein. Meiner Meinung sind die Führungskräfte in Organisationen gefragt, um eine andere Kultur schaffen. Deshalb glaube ich, dass Mediation in Unternehmen immer etwas mit Leitung und Führung zu tun hat.
SS: Sehen Sie denn schon Veränderungen in diese Richtung?
JR: Ich sehe durchaus Veränderungen und zwar stärker in den letzten zwei bis drei Jahren, wenn z.B. in größeren Firmen das Thema Mediation/ Konfliktmanagement durchaus ausgesprochen werden darf. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. In Zeiten von knappen Ressourcen ist das aber nicht immer einfach.
SS: Wo haben Sie denn einen richtig guten Impuls für Ihre Mediationspraxis bekommen?
JR: Ich war vor Jahren auf einer großen Konferenz in Dublin und habe dort eine Mediatorin aus New York getroffen. Sie hatte von Verfahren erzählt, die jetzt erst langsam hier in Deutschland kommen: Konflikte von Teenagern mit Erwachsenen/Eltern.
Das sind Momente, die ich an unterschiedlichen Stellen auflese und dann in mein Konzept einbringe. Manchmal sind es Leute, die gar keine ausgewiesenen Mediatoren sind, sondern eher als Berater und Therapeuten aktiv sind. Dann merke ich, dass ich diese Impulse gut im Bereich von Mediation verwenden kann.
SS: Wenn Sie an nachfolgende Mediatorinnen und Mediatoren denken - welche Tipps würden Sie Ihnen mit auf den Weg geben?
JR: Zum einen ist es wichtig, Felder auszusuchen, in denen man gern mediieren möchte. Diese Affinitität zum Feld kann mir eine gewisse Sicherheit geben. Zum anderen scheint es mir wichtig, Fehler machen zu dürfen. Fehler sind die wichtigsten Rückmeldungen aus dem Kontext, um weiterzumachen und nicht um stecken zu bleiben. Allerdings fände ich es auch wichtig, diese Erfahrungen im Feld der Mediation kontinuierlich supervidieren zu lassen. Dies scheint mir im Rahmen der Mediation noch zu wenig verbreitet zu sein. Ich selbst habe umfangreiche Erfahrung in Supervision und ich könnte mir nicht vorstellen, überhaupt mediativ tätig zu sein, wenn ich nicht viele Jahre Supervision gemacht hätte - und auch heute immer wieder wahrnehme.
Dadurch schaffe ich nicht nur eine Professionalität, sondern auch Spaß und Freude an den Themen weiterzuarbeiten. Mediation ohne supervisorische Reflexion würde ich niemandem raten, es macht sonst einsam und depressiv – wenn man die eigene Betroffenheit mit den Konflikterfahrungen nicht los wird.
SS: Welches ist denn Ihr Lieblingsbuch aus dem Bereich der Belletristik?
JR: Ich komme nicht so häufig zum Lesen dieser Bücher... aber eins hat mir in der letzten Zeit sehr gut gefallen, und das finde ich auch für Mediatoren sehr anregend. Es ist ein Buch von Wilhelm Genazino und heißt “Ein Regenschirm für diesen Tag“. Der Autor beschreibt eine Person, die ihre Umwelt und sich selbst sehr intensiv beobachtet und ihre Schlüsse daraus zieht. Da kann man viel Lernen für die Rolle als Mediator/ Mediatorin.
SS: Wie lautet Dein Mediationsmotto – zusammengefasst in einem Satz?
JR: Vordergründig sind Konflikte krisenhaft, dahinter steckt immer ein Wunsch nach Veränderung und eine Chance für Entwicklung.
Das Interview wurde am Mittwoch, den 18. Mai 2005, von Sabine Schüren geführt.
SS: Was motiviert und was frustriert Sie an Ihrer Arbeit als Mediator?
JR: Mich motiviert die Unterschiedlichkeit meiner Arbeitsfelder und die große Möglichkeit, viele verschiedene Dinge auszuprobieren. Jeder Arbeitstag in diesem Feld ist anders als der vorherige.
Was ich dabei immer mal wieder frustrierend finde, ist die Tatsache, dass Personen, die im Rahmen von Organisationsentwicklungsverfahren zu einer Mediation kommen, oft motiviert sind, es gleichzeitig aber auch eine ganze Reihe von Personen gibt, die dahinterstehen - also Kolleginnen und Kollegen, die man nicht einbeziehen kann - aus welchen Gründen auch immer, z.B. weil es sich um Verwaltungseinheiten in einer Organisation handelt. Dies führt dann oft dazu, dass die Erfahrungen und Entwicklungen, die man im Prozess der Mediation gemacht hat, nicht umgesetzt werden.
SS: Das heißt Einflüsse von außen, die Sie als Mediator nicht steuern können?
JR: Genau. Das große Ganze scheint man mit der Mediation nur langsam bewegen zu können – da bin ich manchmal ungeduldig. Man muss damit umgehen in einem kleinen Setting mit beispielsweise wenigen Leuten Super-Erfahrungen zu machen und gleichzeitig hört man, dass in der großen Politik die Situationen so problematisch geworden sind, so dass man sich fragt “Was bedeutet diese Arbeit im Allgemeinen?“
SS: Gab es mal eine besonders schwierige Situation in der Mediation?
Wenn ja: Wie haben Sie reagiert, was haben Sie gemacht?
JR: Es gab schon eine Reihe besonderer, herausfordernder Situationen. Das macht das Ganze ja auch spannend. Ich erinnere mich an eine Familienmediation, mit einem bi-kulturellen Paar. Der Mann hatte eine Führungsposition in einem Unternehmen und die Frau arbeitete in einem anderen Unternehmen auf Verwaltungsebene. Innerhalb der Mediation war das Kräfteverhältnis genau umgekehrt. Die Frau war Deutsche, der Mann war Osteuropäer, und die Frau war diejenige, die in der Mediation ohne Punkt und Komma reden konnte. Ich glaube, es war die dritte Sitzung und nach ca. drei bis vier Minuten, in denen die Frau ihre Situation noch mal deutlich gemacht hatte - wie gesagt, ohne Atem holen zu müssen - stand der Mann auf und sagte “Herr Rieforth, es geht nicht gegen Sie, aber ich kann meine Frau einfach nicht mehr hören“ und ging.
In diesem Moment dachte ich mir “Das steht in keinem Lehrbuch, das hab ich in keiner Fortbildung gelernt - was mach ich jetzt?“ Ich bin auch aufgestanden, um in einen anderen Energiezustand zu kommen und habe mich von dem Mann verabschiedet, bin zurück an meinen Platz und für mich war innerhalb der kurzen Zeit klar “Ich darf jetzt nicht mit der Frau allein weiterarbeiten“. Ich wollte für eine evtl. spätere Zusammenarbeit meine Allparteilichkeit nicht gefährden. Dies habe ich wohl nonverbal ganz klar dokumentiert, so dass die Frau nach einem kurzen Moment des Schweigens ebenfalls aufgestanden ist und ich die Sitzung beendet habe.
SS: Und wie ging es weiter?
JR: Das Paar hatte sich nicht wieder gemeldet. Ich habe die Frau aber in einem anderen Zusammenhang nach ungefähr einem Jahr wiedergesehen. Sie kam auf mich zu und sagte “Herr Rieforth, ich wollte Ihnen sagen, es ist gut weitergegangen. Wir haben die anderen Dinge so gut klären können. Das, was in der Mediation gelaufen ist, war ganz wichtig, und die restlichen Dinge konnten wir dann alleine klären.“
SS: Das heißt, diese Mediationssitzungen hatten schon eine klärende Funktion?
JR: Es ging bei unseren Sitzungen vor allem um das Thema “Wie zieht der Mann aus dem gemeinsamen Haus aus?“. Sie hatten zwei gemeinsame Kinder im Grundschulalter und die Art des Auszugs war überhaupt nicht klar. Vor allem aus der Kultur des Mannes gab es überhaupt keine Idee, wie man damit umgehen kann. Das konnte in der Mediation bearbeitet werden, die anderen Dinge konnten sie dann selbst regeln.
Dieses Beispiel hat mir gezeigt, wie relativ die Bezeichnung von Erfolg oder Misserfolg in der Mediation ist.
SS: Kommen wir jetzt zum schönsten Erlebnis, das Sie in der Mediation erlebt haben.
JR: Das schönste Erlebnis war im Rahmen eines Fusionsprozesses von zwei Teams. Zwei Teams einer Organisation an unterschiedlichen Standorten hatten vom Vorstand die Auflage bekommen, zu fusionieren. Der Vorstand hatte mit der Aktion, einen Mitarbeiter des einen Teams zum Leiter des Gesamtteams zu machen, ohne dies mit den Beteiligten abgesprochen zu haben, einen großen Konflikt ausgelöst. Auch der Mitarbeiter fühlte sich nicht wohl mit dieser Situation, kam aber irgendwie nicht raus aus seiner Haut. Im Rahmen von mehreren halbtägigen Mediationssitzungen waren die beiden Teams innerhalb eines halben Jahres in der Lage, nicht nur miteinander zu sprechen, sondern auch zunächst zögerlich zu überlegen, was sie für das nächste Jahr projektierten. Das Team hatte dann im Mediationsprozess die Idee, einen gemeinsamen Teamtag auf der Insel durchzuführen... Ich bin hier im Nordwesten der Republik (Oldenburg, Anm. d. Red.) Ich hatte ihnen angeboten dazuzukommen, sie aber auch bestärkt es alleine zu probieren. Wir haben die Gestaltung und die Struktur im Mediationsprozess vorbesprochen und sie haben den Teamtag alleine gut hinbekommen. Nach einem halben Jahr haben wir ein Nachgespräch gemacht, an dem deutlich wurde, dass das Team in einen guten Prozess gekommen war. Dies war ein schönes Zeichen für mich, den Ansatz der Mediation in Organisationen als eine gute Möglichkeit zu sehen, mit den vielfältigen konflikthaften Veränderungen umzugehen und die eigenen Ressourcen der Beteiligten zu stärken (Empowerment!)
SS: Welcher Aspekt im Laufe eines Mediationsverfahrens macht Ihnen denn am meisten Spaß?
JR: Was mir viel Freude macht, ist das Finden von Lösungen/ Lösungsoptionen, nachdem man durch die Problembearbeitung gegangen ist. Aber was mir vor allem Spaß macht, ist immer wieder durch eine gute Fragetechnik und eine gute innere Haltung, die Ressourcen und Potentiale der Beteiligten - die ja in so einem Konfliktfall total verschüttet sind - langsam “frei zu buddeln“ und sich entfalten lassen. Das empfinde ich manchmal als richtiges Geschenk.
SS: Wie hat die Mediation Sie und Ihre Art zu leben verändert... bzw. hat sie Sie überhaupt verändert?
JR: Es hat auf jeden Fall mein Leben verändert. In meiner Ausbildung als Psychologischer Psychotherapeut beschäftige ich mich nicht nur mit Mediation, sondern auch mit therapeutischen- und langfristigen Beratungsprozessen in Organisationen.
Insgesamt hat die Arbeit mit Menschen und deren unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen, mir immer wieder klar gemacht, dass jeder von sich aus seine eigene Wirklichkeit erzeugt, und dass es gerade im Konfliktfall darum geht, diese unterschiedlichen Bilder auf der inneren Landkarte des einzelnen zu erfassen und für alle Beteiligten transparent zu machen. Das hat mich natürlich auch in meiner Person und in meinen sozialen Beziehungen verändert. Was konkret das Thema Mediation angeht... Ich als engagierter Familienvater - ich habe drei jetzt schon teilweise erwachsene Kinder, mein Sohn ist 22 und meine Töchter sind 19 und 15 Jahre alt - erlebe oft Momente, in denen ich sage “Toll, da hab viel durch die Mediation gelernt!“ , z.B. um mit innerfamiliären Konflikten umzugehen... In diesen Situationen nicht zu schnell Rat zu geben, sondern zu schauen, wie die Beteiligten die Situation gemeinsam klären können“.
SS: Wahrscheinlich ist es auch schön, den Unterschied zu sehen, wenn man mediatives Vorgehen wirklich persönlich integriert hat, oder?
JR: Ja, ich glaube, ich würde Mediation gar nicht mehr machen, wenn ich nicht auch den persönlichen Profit erleben würde. Im Rahmen meiner Leitungstätigkeit an der Universität kommt mir das auch sehr zugute, denn gerade wenn es im Arbeitszusammenhang unterschiedliche Sichtweisen gibt, war ich früher mehr dazu geneigt, zu schnell mich selbst und eigene Ideen für die Konfliktlösung einzubringen. Da bin ich mittlerweile viel zurückhaltender und erlebe - was ich auch in den Seminaren weitergebe - dass es sinnvoll ist, sich zunächst Zeit für die unterschiedlichen Sichtweisen zu nehmen. Früher habe ich mehr mit den Einzelnen gesprochen.
SS: Gibt es eine Person, die für Sie ein Vorbild in der Mediation war?
JR: Eine Person gibt es für mich nicht. Ich hab auf meinem Weg von der Vielfalt unterschiedlicher Personen profitiert und ich könnte jetzt einige nennen. Mir liegt aber eher daran zu sagen, dass mein Profit nicht dadurch gekommen ist, dass ich einer Schule angehöre, sondern mich immer wieder auf unterschiedlichen Fortbildungen/Tagungen/Kongressen inhaltlich auseinandersetze und von Kolleginnen und Kollegen lerne. Da nutze ich natürlich auch die Möglichkeiten aus dem Bereich der Therapie und der Organisationsentwicklung.
Ich habe den Eindruck, dass mir dieses langsame Sammeln der Unterschiedlichkeiten am meisten gegeben und mich professionalisiert hat.
SS: Beschreiben Sie mal zwei Instrumente aus Ihrem Werkzeugkoffer?
JR: Als systemischer Berater und Therapeut profitiere ich vor allem vom „Systemischen Fragen“. Ein Großteil des Erfolges in der Mediation kommt m.E. durch gutes Fragen, im Sinne der Idee “Wer fragt, führt“ ... den Prozess und gibt Anstösse für die Bearbeitung von Inhalten. Ziel ist es stets, in einer wertschätzenden Haltung Fragen zu stellen, die hinreichend ‚verstören‘, um die Personen in der Konfliktsituation durch diese Fragen zum Nachdenken zu bringen. Fragen können kreativ eingesetzt werden, indem man z.B. hypothetisch fragt, Zukunftsfragen oder die sogenannten Verschlimmerungsfragen stellt, um die eigenen Handlungsmöglichkeiten neu auszuloten. Das finde ich sehr wichtig.
Ein zweites Werkzeug ist das Neun-Felder-Modell, das ich mit meinem Kollegen Bernd Kuhlmann entwickelt habe (ZKM, 2,2004). Es beinhaltet die unterschiedlichen Bereiche: Problem/Konflikt - Ressource und Ziel/Lösung und erfasst diese in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dieses Modell ermöglicht es im Mediationsprozess genau festzustellen, wo sich der Konfliktpartner momentan befindet und wie durch unterschiedliche Techniken des Mediators darauf Einfluss genommen werden kann. Durch eine konsequente Nutzung dieses Modells kann der Prozess in der Mediation gestaltet und gleichzeitig transparent gemacht werden. Es fokussiert auf die Rolle des Mediators und die darin liegenden Möglichkeiten die Medianten in einem positiven Sinne zu “verführen“ sich mit Zielideen und Lösungsgedanken zu beschäftigen oder auch den Konflikt so zu betrachten, dass Konflikte keine statischen Größen sind, sondern sich immer wieder verändern und daher Chancen zur Entwicklung darstellen.
SS: Wir haben Sie als Repräsentanten für den Bereich der Erbschaftsmediation ausgesucht. Gibt es für diesen Bereich spezielle Eigenarten oder Besonderheiten im Unterschied zu anderen Mediationsfeldern?
JR: Ja, was ich ganz interessant finde, ist der Bereich der Erbschaft im Sinne von Familiennachfolge, also wo die Systeme `Unternehmen` und `Familie` zusammen kommen. Das finde ich aus systemischer Sicht sehr spannend, weil es sich um zwei sehr unterschiedliche Systeme handelt. Ein Familiensystem zeichnet sich zunächst einmal dadurch aus, dass man hineingeboren wird. Man kann sich nicht überlegen, ob man dazugehören will oder nicht. Man ist Sohn oder Tochter eines Vaters/ einer Mutter - und das bleibt man auch, egal wie man sich weiter entwickelt. In einem Firmen-System kann ich mir überlegen, ob ich dort hin will und habe immer die Möglichkeit – zumindest theoretisch - zu kündigen. Wenn diese Systeme zusammen kommen, wie z.B. in einer Nachfolgemediation, wenn also ein Familienunternehmen vererbt wird, dann bietet das unglaubliche Chancen im Rahmen der Mediation, weil viele dieser Dynamiken, in einem normalen, logischen oder auch juristischen Verfahren gar nicht erfasst werden können.
Hier geht es dann um die Schnittstelle zwischen dem, was die Mitglieder aus der Rolle des Familienmitglieds und aus der Rolle des Mitglieds der Organisationsstruktur brauchen. Dies zusammenzubekommen ist manchmal wie die Quadratur des Kreises.
SS: Das heißt, dieser Bereich ist fordernder als andere Bereiche?
JR: Genau, es erfordert teilweise noch kreativere oder unkonventionellere Lösungen, und das empfinde ich grad als sehr spannend im Rahmen der Mediation.
SS: Wie sind Sie gerade zu dem Bereich der Erbschaftsmediation gekommen?
JR: Es gibt mehrere Gründe. Zum einen komme ich aus dem klinischen Bereich und das Thema Familientherapie und die Entwicklung von Individuen im familialen System ist mir sehr nah – da ich seit ca. 20 Jahren Berater und Therapeuten in diesem Feld ausbilde.
Ich bin gleichzeitig auch Berater und Supervisor für Organisationen und da bietet es sich natürlich an, die Felder zu verbinden. Dazu kommt auch eine persönliche Vergangenheit. Mein Vater war in vierter Generation Schreinermeister eines Familienbetriebs, den er gemeinsam mit seinem älteren Bruder nach dem Tod meines Großvaters geführt hat. Nach einigen Jahren musste aufgrund der wirtschaftlichen Veränderung eine Entscheidung gefunden werden, wer von den beiden Brüdern den Betrieb weiterführt. Da mein Vater der jüngere war, verließ er den Betrieb, was in unserer Familie zu intensiven Veränderungen führte und meinen Vater vor der Herausforderung stellte, mit gut 40 Jahren noch mal einen neuen Beruf zu erlernen.
SS: Geben Sie uns denn auch noch eine erfolgreiche Marketingstrategie?
JR: Ich glaube, die erfolgreichste ist, selber Freude an dieser Tätigkeit zu haben und darüber eine innere Haltung aufzubauen. Wenn ich das innerlich für mich entwickele, dann bin ich sicher, dass mir über kurz oder lang die Aufträge nur - na zufliegen will ich nicht sagen - aber anlächeln.
SS: Das ist ja eine schöne Prognose!
Und warum glauben Sie ist die Hemmschwelle, Mediation zur Lösung von Konflikten zu nutzen, noch so groß?
JR: Ich glaube, das hat mit unserer Kultur zu tun. Es gibt immer noch so viele Verstärkersysteme bei uns, dass die Aussage “Ich habe keine Konflikte“ dazu führt, von anderen mit einem “WOW, ist der toll“ angeschaut zu werden. Die Verstärkung geht dahin, besser keine Konflikte zu haben, als zu sagen “Ich habe Konflikte, aber die gehe ich an“. Diese Idee, dass man einen Coach nimmt, um seine Probleme zu lösen, genauso wie man in einer Fußballmannschaft sagt “Wir haben Felix Magath und das ist der beste Trainer, gerade deshalb sind wir mit Bayern München wieder Deutscher Meister geworden“, das gibt es im Arbeitsbereich selten. Dem haftet immer noch die Idee von “Der hat es nicht alleine geschafft“ an.
Ich habe vor einigen Jahren in einer Klinik Supervision für Ärzte gegeben. Die Ärzte fanden das toll, kamen aber irgendwann nicht mehr. Auf meine Frage nach den Gründen, wurde das Gerücht genannt, dass diejenigen, die nicht in die Supervision gingen - aufgrund von Vorbehalten oder Ängsten – sagten:
In die Supervision gehen nur die, die Probleme haben“ und aufgrund dieser Bedeutungsgebung kamen dann auch die anderen nicht mehr, da keiner sich nachsagen lassen wollte, er schaffe es nicht allein. Meiner Meinung sind die Führungskräfte in Organisationen gefragt, um eine andere Kultur schaffen. Deshalb glaube ich, dass Mediation in Unternehmen immer etwas mit Leitung und Führung zu tun hat.
SS: Sehen Sie denn schon Veränderungen in diese Richtung?
JR: Ich sehe durchaus Veränderungen und zwar stärker in den letzten zwei bis drei Jahren, wenn z.B. in größeren Firmen das Thema Mediation/ Konfliktmanagement durchaus ausgesprochen werden darf. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. In Zeiten von knappen Ressourcen ist das aber nicht immer einfach.
SS: Wo haben Sie denn einen richtig guten Impuls für Ihre Mediationspraxis bekommen?
JR: Ich war vor Jahren auf einer großen Konferenz in Dublin und habe dort eine Mediatorin aus New York getroffen. Sie hatte von Verfahren erzählt, die jetzt erst langsam hier in Deutschland kommen: Konflikte von Teenagern mit Erwachsenen/Eltern.
Das sind Momente, die ich an unterschiedlichen Stellen auflese und dann in mein Konzept einbringe. Manchmal sind es Leute, die gar keine ausgewiesenen Mediatoren sind, sondern eher als Berater und Therapeuten aktiv sind. Dann merke ich, dass ich diese Impulse gut im Bereich von Mediation verwenden kann.
SS: Wenn Sie an nachfolgende Mediatorinnen und Mediatoren denken - welche Tipps würden Sie Ihnen mit auf den Weg geben?
JR: Zum einen ist es wichtig, Felder auszusuchen, in denen man gern mediieren möchte. Diese Affinitität zum Feld kann mir eine gewisse Sicherheit geben. Zum anderen scheint es mir wichtig, Fehler machen zu dürfen. Fehler sind die wichtigsten Rückmeldungen aus dem Kontext, um weiterzumachen und nicht um stecken zu bleiben. Allerdings fände ich es auch wichtig, diese Erfahrungen im Feld der Mediation kontinuierlich supervidieren zu lassen. Dies scheint mir im Rahmen der Mediation noch zu wenig verbreitet zu sein. Ich selbst habe umfangreiche Erfahrung in Supervision und ich könnte mir nicht vorstellen, überhaupt mediativ tätig zu sein, wenn ich nicht viele Jahre Supervision gemacht hätte - und auch heute immer wieder wahrnehme.
Dadurch schaffe ich nicht nur eine Professionalität, sondern auch Spaß und Freude an den Themen weiterzuarbeiten. Mediation ohne supervisorische Reflexion würde ich niemandem raten, es macht sonst einsam und depressiv – wenn man die eigene Betroffenheit mit den Konflikterfahrungen nicht los wird.
SS: Welches ist denn Ihr Lieblingsbuch aus dem Bereich der Belletristik?
JR: Ich komme nicht so häufig zum Lesen dieser Bücher... aber eins hat mir in der letzten Zeit sehr gut gefallen, und das finde ich auch für Mediatoren sehr anregend. Es ist ein Buch von Wilhelm Genazino und heißt “Ein Regenschirm für diesen Tag“. Der Autor beschreibt eine Person, die ihre Umwelt und sich selbst sehr intensiv beobachtet und ihre Schlüsse daraus zieht. Da kann man viel Lernen für die Rolle als Mediator/ Mediatorin.
SS: Wie lautet Dein Mediationsmotto – zusammengefasst in einem Satz?
JR: Vordergründig sind Konflikte krisenhaft, dahinter steckt immer ein Wunsch nach Veränderung und eine Chance für Entwicklung.